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Infrastruktura

„Wer bekommt noch Strom? Mobilitätswende im knappen Netz“ – Bastian Pfarrherr, Hamburger Energienetze

„Wer bekommt noch Strom? Mobilitätswende im knappen Netz“ – Bastian Pfarrherr, Hamburger Energienetze

Während der Ausbau von Ladeinfrastruktur an Fahrt gewinnt, stellt sich für Verteilnetzbetreiber die Frage: Wie lässt sich die schwindende Anschlusskapazität gerecht und effizient verteilen? Bastian Pfarrherr von den Hamburger Energienetzen gab bei electrive LIVE Einblicke in die Transformation des Hamburger Stromnetzes und erklärte, wie die Hansestadt das Problem mit Köpfchen anstatt nur mit Kupfer lösen möchte.

In den vergangenen fünfzig Jahren blieb die Netzhöchstlast in Hamburg mit rund 1.700 Megawatt weitgehend konstant. Durch den zeitgleichen Hochlauf von Wärmepumpen, Elektromobilität und der Abkehr von fossilen Energieträgern steht das System nun jedoch vor einer Herkulesaufgabe. Während ältere Prognosen von einer Verdopplung der Netzhöchstlast ausgingen, zeichnet die aktuelle Versorgungsprognose ein noch drastischeres Bild: Bis 2040 wird sich die Last im Hamburger Verteilnetz auf knapp 4.800 Megawatt nahezu verdreifachen.

Haupttreiber dieser Entwicklung ist die kommunale Wärmeplanung. Die Umstellung der Wärmeversorgung bindet enorme Kapazitäten, was den Druck auf andere Sektoren erhöht. „Wärme konkurriert mit Mobilität um knappe Anschlusskapazitäten“, brachte es Pfarrherr auf den Punkt. Weil beide Bereiche zur grundlegenden Daseinsvorsorge gehören, müssen andere Anfragen weichen. Großspeicher und Rechenzentren haben in Hamburg vorerst das Nachsehen und erhalten aufgrund der Ressourcenknappheit kaum noch neue Netzzugänge.

Hamburger Energienetze planen Mammutprojekt

Um den Vorgaben des Hamburger Volksentscheids zur Klimaneutralität bis 2040 gerecht zu werden, planen die Hamburger Energienetze massive Investitionen in die Infrastruktur und hat sich dazu bereits ein Milliardendarlehen gesichert. Nahezu das gesamte 110-kV-Hochspannungsnetz im Stadtgebiet wird angefasst. Von den bestehenden 55 Umspannwerken werden 48 erweitert, zudem sind mindestens sieben Neubauten geplant. Ziel ist es, die Anzahl der Verknüpfungspunkte mit dem Übertragungsnetz von drei auf sechs Teilnetze zu verdoppeln.

Trotz dieser Restriktionen wächst die Ladeinfrastruktur in der Hansestadt überdurchschnittlich gut. Bei knapp 50.000 Elektrofahrzeugen kommen in Hamburg rund 8,5 E-Autos auf einen öffentlichen Ladepunkt – ein Wert, der deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von über 11 Fahrzeugen liegt und damit besser ist. Um diesen Trend fortzusetzen, setzt der Netzbetreiber ab Herbst auf eine gezielte Priorisierung. Im Rahmen eines Repartierungsverfahrens bekommen Ladeinfrastruktur und Wärmeanwendungen Vorfahrt beim Netzzugang, um pauschale Ablehnungen bei Depot- oder Ladehub-Anfragen zu vermeiden.

Netzdienlichkeit: Ladesäulen als Blindleistungskompensation

Der Schlüssel für ein stabiles Netz liegt jedoch nicht allein im physikalischen Ausbau, sondern in der intelligenten Nutzung der vorhandenen Ladeinfrastruktur. Dass moderne Schnelllader weit mehr können als nur Strom abzugeben, belegte ein Pilotprojekt mit den Hamburger Verkehrsbetrieben (Hochbahn und VHH). Hierbei wurde HPC-Ladeinfrastruktur gezielt zur Blindleistungskompensation eingesetzt.

Durch das Aussteigen aus der konventionellen Kraftwerksstromerzeugung fallen klassische Generatoren als Blindleistungsquelle weg. Leistungselektronische Komponenten in HPC-Ladesäulen können diese Aufgabe übernehmen. „Diese Komponenten sind grundsätzlich in der Lage, einen Beitrag zur Blindleistung im Verteilnetz zu liefern“, erläuterte Pfarrherr. Darüber hinaus bilden flexible und dynamische Netzanschlussvereinbarungen (FCAs) ein zentrales Element, um die Leistungsaufnahme von Ladeparks in Spitzenzeiten KI-gestützt zu steuern.

Hamburg zeigt, wie eine vorausschauende Netzstrategie Engpässe auflösen kann, bevor sie den Ausbau der Elektromobilität ausbremsen. Durch die Priorisierung der Daseinsvorsorge und den Einsatz smarter Technologien wird die Mobilitätswende im Norden zielgerichtet vorangetrieben.

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