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Regulativa

VW-Tochter Elli gibt Hardware-Geschäft auf und öffnet sich für Investoren

VW-Tochter Elli gibt Hardware-Geschäft auf und öffnet sich für Investoren

Die Volkswagen Group Charging GmbH, besser bekannt unter dem Label Elli, steht vor einer umfassenden strategischen Neuausrichtung und wird sich künftig vor allem auf digitale Dienstleistungen rund um das Laden sowie das Energiemanagement konzentrieren. Das bestätigte Elli-Chef Giovanni Palazzo im Rahmen eines exklusiven Hintergrundgesprächs mit electrive.

„Wir werden das Hardware-Geschäft künftig insgesamt zurückfahren“, kündigt Palazzo an. Elli wolle sich stattdessen auf Geschäftsmodelle konzentrieren, die für wiederkehrende Umsätze sorgen und skalierbar seien wie etwa Flottenmanagement, Ladekarten und Lade-Apps. Dabei ist das bisherige Hardware-Geschäft eine Art Mittel zum Zweck gewesen: Elli habe zunächst eine ausreichend starke Umsatzbasis im digitalen Geschäft schaffen müssen, bevor man nun auf wesentliche Hardwareaktivitäten verzichten könne, so Palazzo.

Die neue Strategie sieht nur noch zwei zentrale Geschäftsbereiche vor: Mobility und Energy. „Wir konzentrieren uns auf transaktionsbasierte, digitale und skalierbare Geschäftsmodelle, die zudem möglichst wenig kapitalintensiv sind“, erläutert Palazzo. Hintergrund der Entscheidung ist nach Darstellung des CEOs ein zunehmend wettbewerbsintensives Marktumfeld. Zwar wächst die Elektromobilität weiter, gleichzeitig stehen viele Anbieter von Ladeinfrastruktur und entsprechenden Dienstleistungen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Palazzo rechnet in den kommenden Jahren mit einer weiteren Konsolidierung der Branche.

Für Elli ist der Strategiewechsel zugleich eine Reaktion auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen Eigenschaften der Geschäftsfelder: Während sich digitale Dienstleistungen über standardisierte Prozesse und Plattformen vergleichsweise einfach auf neue Kunden und Märkte ausweiten lassen, erfordern Hardware, Installation und Infrastrukturprojekte erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen. Die Krise des Mutterkonzerns Volkswagen dürfte ebenfalls eine Rolle spielen.

AC-Wallbox wird nicht weiter produziert

Konkrete Folgen hat die Neuausrichtung vor allem für das Hardware-Geschäft. Denn nicht nur die Produktion der Flexpole genannten Batterie-gepufferten Schnellladestationen in Hannover gibt die VW-Tochter auf. Vielmehr lässt Elli auch seine eigene AC-Wallbox perspektivisch auslaufen. Die vorhandenen Lagerbestände sollen noch abverkauft werden, anschließend sind keine weiteren Bestellungen vorgesehen.

Für Bestandskunden soll sich dadurch aber nichts ändern: „Es gibt keinerlei Auswirkungen auf die Nutzung oder die Anwendungsfälle der bereits verkauften Geräte. Auch beim Kundenservice und bei der Wartung ändert sich absolut nichts“, versichert Palazzo gegenüber electrive.

Dabei betont der Elli-Chef, dass der Schritt nicht auf mangelnden Verkaufserfolg oder technische Probleme zurückzuführen sei. Vielmehr passe das Geschäft mit unidirektionalen Wallboxen nicht mehr zur angestrebten Skalierbarkeit.

Image 1: Eichrechtskonforme Version der AC-Wallbox Elli Charger 2

Zugleich will Elli das Thema Heimladen nicht komplett aufgeben. „Home Charging ist natürlich wichtig“, betont der Italiener. Elli wolle aber eben das unidirektionale Laden geringer priorisieren und keine eigenen AC-Wallboxen mehr verkaufen. Die Zukunft im privaten Bereich sieht Palazzo vielmehr in bidirektionalen Anwendungen wie Vehicle-to-Grid und Vehicle-to-Home. Dazu weiter unten mehr.

Auch keine Hardware-Installation für Fuhrparks mehr

Der Rückzug aus dem Hardware-Geschäft geht allerdings über das Geschäft mit privaten Wallboxen hinaus. Auch beim Aufbau und Betrieb von Ladeinfrastruktur für Geschäftskunden und den Volkswagen-Konzern will Elli seine Rolle verändern. Bislang hat das Unternehmen entsprechende Projekte teilweise selbst umgesetzt. Künftig sollen stärker spezialisierte Partner die Planung, Errichtung und Betreuung der physischen Infrastruktur übernehmen.

Elli möchte sich dagegen auf diejenigen Teile der Wertschöpfung konzentrieren, die sich digital skalieren lassen. Dazu zählen insbesondere die Anbindung von Ladepunkten an Backend-Systeme sowie Lade-, Energie- und Abrechnungsdienstleistungen.

Was mit bestehenden Infrastrukturaktivitäten für Flottenkunden geschieht, wird derzeit noch intern geprüft. Denkbar sind nach Angaben von Palazzo unterschiedliche Lösungen, darunter die Übergabe von Aktivitäten an externe Partner. Die Umsetzung soll schrittweise erfolgen und bis Ende 2027 abgeschlossen sein.

Digitale Lade- und Flottendienste sollen wachsen

Die künftige Elli-Strategie basiert wie bereits erwähnt auf zwei Säulen: Mobility und Energy. Blicken wir tiefer in die Details: Im Geschäftsbereich Mobility will das Unternehmen sein MSP-Geschäft mit Tank- und Ladekarten sowie Flottenmanagement weiter ausbauen.

Dabei spielt die Integration des Tankkartengeschäfts von LogPay eine wichtige Rolle. Elli kann damit nicht nur reine Elektroflotten bedienen, sondern auch Unternehmen, deren Fuhrparks weiterhin aus gemischten Fuhrparks aus Verbrennern und E-Autos bestehen. „Wir können so eine Brücke zwischen Verbrenner-Kraftstoff und elektrischem Laden schlagen. Genau das brauchen wir in diesem Markt“, ist Palazzo überzeugt.

Image 2: Elli-CEO Giovanni Palazzo

Das Unternehmen sieht gerade in diesem Segment erhebliches Wachstumspotenzial. Gewerbliche Kunden hätten komplexere Anforderungen an die Abrechnung und Verwaltung ihrer Fahrzeuge, zugleich lassen sich über zentrale Plattformen große Transaktionsvolumina abwickeln.

Palazzo verweist außerdem darauf, dass die Margen im Geschäft mit gewerblichen Ladekunden tendenziell höher ausfallen als im Privatkundengeschäft. Elli will daher seine Position als Mobilitätsdienstleister (MSP) nicht nur bei Privatkunden, sondern insbesondere im B2B-Segment stärken. Beim MSP-Geschäft geht es letztlich vor allem darum, per Roaming den Zugang zu möglichst vielen Ladestationen diverser Betreiber zu ermöglichen und die Ladevorgänge gegenüber den Privat- und Flottenkunden abzurechnen.

Sixt nutzt MSP-Lösung von Elli

Hinzu kommt das Geschäft mit digitalen Ladeleistungen für andere Marken und Unternehmen wie etwa Sixt. Der Autovermieter hat die MSP-Lösung von Elli Anfang 2024 in seine App integriert. Die entsprechenden Systeme sollen nun für weitere Kunden geöffnet werden, ein erster Deal steht vor dem Abschluss.

Die zweite Säule bildet das Energiegeschäft. Hier bleibt der Stromtarif Elli Naturstrom ein zentrales Ankerprodukt. Das Unternehmen will sein bestehendes Angebot aber mit dynamischen Tarifen und neuen Dienstleistungen rund um bidirektionales Laden erweitern.

Bidirektionales Laden als neues Wachstumsfeld

Vor allem Vehicle-to-Grid (V2G) könnte aus Sicht von Palazzo zu einem bedeutenden neuen Geschäftsfeld werden. Der Elli-Chef sieht darin die Chance, Elektroautos nicht mehr ausschließlich als Stromverbraucher, sondern auch als flexible Energiespeicher in das Stromsystem einzubinden.

Elli bereitet noch für den November dieim Juni angekündigte Markteinführung eines entsprechenden V2G-Angebots zusammen mit The Mobility House vor. Die Hardware soll dabei nicht mehr aus eigener Entwicklung stammen, sondern von externen Partnern bereitgestellt werden. Das Unternehmen selbst will sich unter anderem auf die energiewirtschaftliche Einbindung (Stichwort Trading) , Stromtarife und weitere digitale Dienstleistungen konzentrieren.

Palazzo zufolge hat Elli in den vergangenen 18 Monaten unterschiedliche Hardwarelösungen getestet. Der Produktstart sei auch deshalb später erfolgt, weil zunächst keine ausreichend zuverlässige Lösung für einen kommerziellen Einsatz verfügbar gewesen sei. Entschieden hat sich Elli schließlich für eine bidirektionale DC-Wallbox des chinesischen Herstellers EV-Tech.

Image 3: V2G spielt bei Elli künftig eine große Rolle

„Wir glauben, dass V2G ein echter Gamechanger sein könnte. Zum ersten Mal in der Geschichte der Automobilindustrie können wir Kunden damit ermöglichen, selbst Einnahmen zu erzielen“, sagt Palazzo. Was er damit meint: Kunden sollen eine Gutschrift von bis zu 720 Euro im Jahr auf ihre Stromrechnung erhalten, wenn sie V2G fleißig nutzen. Elli nennt das „Ansteckbonus“ für Fahrzeuge, die im V2G-Modus eine gewisse Zeit pro Monat an der Wallbox hängen.

Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg seien allerdings nicht nur funktionierende technische Systeme, sondern auch geeignete regulatorische Rahmenbedingungen. Im September hatte sich Elli zusammen mit anderen Unternehmen in einem Brandbrief an die Bundesnetzagentur gewandt und einfachere Regeln beim bidirektionalen Laden gefordert. Durch Last-Minute-Änderungen der sogenannten MiSpeL-Festlegung durch die Behörde haben sich die Wogen seitdem aber etwas geglättet.

Auch Vehicle-to-Home (V2H), also die Versorgung eines Haushalts mit Strom aus der Fahrzeugbatterie, bleibt Teil der Strategie. Hier sieht Palazzo ebenfalls großes Potenzial, verweist aber auf die technische Komplexität der Installation und Integration unterschiedlicher Komponenten.

Volkswagen hält am strategischen Geschäftsfeld fest

Der Rückzug aus der Hardware bedeutet nach Darstellung von Palazzo keineswegs, dass Volkswagen das Lade- und Energiegeschäft insgesamt zurückfahren will. Im Gegenteil: Angesichts des wachsenden Absatzes von Elektrofahrzeugen seien entsprechende Dienstleistungen weiterhin ein wesentlicher Bestandteil der Konzernstrategie. Und für dieses Jahr erwartet Palazzo einen hohen dreistelligen Millionenumsatz.

Gleichzeitig passiert bei Elli nun das, was auch bei anderen VW-Töchtern jenseits des Kerngeschäfts aktuell ist: Die Suche nach externen Partnern bzw. Investoren, wie es etwa auch bei MOIA oder bei PowerCo der Fall ist. Palazzo bestätigt jedenfalls, dass mehrere Unternehmen Interesse an Gesprächen über mögliche Beteiligungen oder einer engeren strategischen Zusammenarbeit gezeigt hätten. Noch sei aber nichts unterschriftsreif. Im Vordergrund stehe in jedem Fall die Möglichkeit, das Geschäft international schneller zu skalieren und zusätzliche Märkte zu erschließen, so Giovanni Palazzo.

Teil der 400 Mitarbeiter muss gehen

Nun zum unangnehmen Teil: Der Umbau wird auch Auswirkungen auf die Beschäftigten haben. Elli hat derzeit knapp 400 Mitarbeiter auf der eigenen Gehaltsliste. Betroffen sein könnten insbesondere Funktionen, die unmittelbar mit dem Hardware- und Infrastrukturgeschäft zusammenhängen, aber auch Teile der zentralen Verwaltung. Eine konkrete Zahl möglicherweise wegfallender Stellen will Palazzo zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen. Und ob dabei betriebsbedingte Kündigungen erforderlich sein werden, bleibt ebenfalls unklar.

Zu den Stellenstreichungen laufen aber bereits Verhandlungen mit dem Betriebsrat. Palazzo betont, dass der Umbau für die Beschäftigten eine schwierige Situation darstellt, hält die Veränderungen aber für notwendig, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Elli zu sichern.