Kia EV2 Earth: Sparsames Raumwunder im Test

Elektromobilität für die breite Masse gilt nach wie vor als Königsdisziplin der Automobilbranche. Doch während andere Hersteller bezahlbare und gleichzeitig alltagstaugliche Stromer oft erst für die Zukunft versprechen, geht Kia mit dem EV2 bereits den nächsten Schritt bei der Elektrifizierung seiner Flotte. Wo der kleine Koreaner mehr zu bieten hat, als die anderen kleinen Stromer, verrät unser Test.
Optisch gibt es beim EV2 keine Überraschungen, er reiht sich erwartbar bei den größeren Brüdern EV3 bis EV9 ein. Die harte Linienführung lässt den EV2 recht kastig wirken, fast wie ein rollender Umzugskarton. Für ein Fahrzeug seiner Größe steht er ungewohnt präsent da und kommt deutlich größer rüber, als er eigentlich ist. Besonders markant sind die Stoßfänger an der Front und am Heck sowie die Schweller, die sich vom Rest des Fahrzeugs in mattem Silber absetzen. Auch die Radhäuser wirken wuchtig. Und dennoch ist der EV2 nicht übermäßig aggressiv, sondern einfach nur ein schnuckeliger Kleinwagen, bei dem es aber leichter fällt, ihn ernst zu nehmen, als das bei anderen Modellen in dieser Größenklasse der Fall ist.
Bewährtes Kia-Interieur
Die typische Kia-Linie setzt sich im Inneren fort. Lenkrad, Cockpit, Armaturenbrett, das alles kennt man bereits aus anderen Modellen. Das ist ausdrücklich positiv gemeint, denn die Displaykombination wie auch das Lenkrad sind so ja auch in hochpreisigen Oberklasse-Modellen wie EV6 und EV9 verbaut. Dass Kia sich hier treu bleibt, gefällt auch deswegen, weil der EV2 so unterscheidbar ist: Die zahlreichen chinesischen Fahrzeuge in diesem Segment sehen markenübergreifend gleich aus, Kia sticht heraus. Dass dabei sehr viel Hartplastik zum Einsatz kommt, verzeiht man in dieser Preisklasse und dank der tadellosen Verarbeitung gerne.

Bild: Robin Engelhardt
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Vieles an der Bedienung ist clever gelöst und die Zahl der Knöpfe ist vernünftig gewählt. Das Cockpit wirkt nicht überfrachtet und dennoch gibt es für die wichtigsten Funktionen einen physischen Knopf. Besonders die Shortcut-Leiste unter dem Bildschirm und die Klimaanlagenbedienung löst Kia besser als die sonst oft üblichen Touch-only-Lösungen.
Die Software wirkt insgesamt etwas angestaubt und verschachtelt. Manche Einstellungen sucht man unnötig lange und die Sprachsteuerung ist dabei keine Hilfe. Spotify fehlt (dafür gibt es aber Amazon Music) und das Navi ist in Sachen Filter und Optionen keine Benchmark.
Da aber auch hier der Standard des kabellosen Android Auto und Apple Carplay eingezogen ist, relativiert sich diese Kritik – auch mit Blick auf das Preisschild. Ebenfalls lobenswert ist die Individualisierbarkeit: Für diverse Tasten kann man eigene Funktionen hinterlegen und sich so längere Klickwege durch die Menüs ersparen.
Mit fünf USB-C-Dosen, einer induktiven Ladeschale und zwei 12-Volt-Anschlüssen sollte auch bei voller Besetzung des Fahrzeugs niemandem der Strom ausgehen. Außerdem ist natürlich wieder Vehicle-to-Load dabei.
Wie viel Platz darf es sein?
Simpel aber genial sind die einzeln verstellbaren Rücksitze. Sie machen, je nach Einstellung, aus dem EV2 drei verschiedene Autos: Rückbank nach vorne geschoben und Lehnen aufrecht ergeben einen 2+2-Sitzer mit riesigem Kofferraum. Kinder haben hinten noch gut Platz, Erwachsene nicht mehr – zumindest nicht bequem. Dafür geht dann ordentlich Gepäck hinein, ein Kinderwagen ist kein Problem, auch sechs Getränkekisten finden mühelos Platz.

Bild: Robin Engelhardt
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Fährt man die Sitze ganz zurück und stellt die Lehnen schräg, entsteht eine komfortable Relax-Sitzposition mit ordentlich Kopf- und Beinfreiheit, sodass man fast von einer Chauffeurslimousine sprechen will. Erkauft wird dieser Luxus durch einen schrumpfenden Kofferraum, viel Gepäck kann man so nicht mehr mitnehmen.
Drittens gibt es noch allerlei Zwischeneinstellungen. Durch die einzelnen Verschieb- und Klappmöglichkeiten ergeben sich unendlich viele Kombinationen.
ISOFIX gibt es zweimal, Haltegriffe drei (für jeden Platz außer den Fahrer) und sogar einen Mini-Frunk – mehr als das Ladekabel passt hier aber nicht hinein. In Litern ausgedrückt passen mit aufgeklappten Sitzen höchstens 403 Liter und umgeklappt bis zu 1.200 Liter in den Kofferraum des EV2. Für die clevere Rückbank möchte Kia 450 Euro Aufpreis, Standard ist eine nicht verschiebbare, 60:40 umklappbare Fünfsitzer-Bank.
Überzeugendes Fahrverhalten und Assistenzsysteme
Für ein Fahrzeug dieser Klasse und Größe ist das Fahrverhalten des EV2 extrem souverän. Er ist zwischen Komfort und Straßenfeedback sauber austariert, Lenkung und Pedalerie reagieren stimmig. Richtig viel Auswahl gibt es bei der Rekuperation: Neben vier Stufen (null bis drei) gibt es noch das i-Pedal (Verzögerung bis zum Stillstand im One-Pedal-Drive) und einen Automatikmodus, der radarbasiert entsprechend dem Abstand zum Vordermann rekuperiert. Lenkassistent und Abstandsregeltempomat arbeiten im kleinen Kia auf einem Level, das vor wenigen Jahren noch das Prädikat „Oberklasse“ bekommen hätte. Spur und Abstand hält er sauber, auch automatische Spurwechsel funktionieren in aller Regel ohne Murren. Auf längeren Fahrten sind die Assistenten eine echte Entlastung und dank des kapazitiven Lenkrads entfällt auch das ständige Ruckeln an diesem: Eine leichte Berührung reicht aus, damit der Wagen weiß, dass der Fahrer noch bei der Sache ist. Hinzu kommt eine 360-Grad-Kamera, die Rückfahrkamera lässt sich auch während der Fahrt nutzen. Das ist besonders praktisch, wenn man den Kofferraum dachhoch belädt und im konventionellen Rückspiegel der Blick versperrt bleibt. Wermutstropfen bleibt die Rettungsgasse, die der Koreaner beharrlich verweigert.
Laden und Verbrauch: Für diese Klasse ordentlich
Die kastige Form stimmt uns bezüglich des Verbrauchs pessimistisch, denn windschnittig ist der EV2 eher nicht. Tatsächlich überrascht der Verbrauch uns aber positiv. Trotz hohem Autobahnanteil, zügiger Fahrweise und herbstlichen Temperaturen liegt der Gesamtverbrauch nach über 1.000 Testkilometern bei 19,6 kWh/100 km.
Begrenzt man sich auf höchstens 120 km/h, stehen noch 17,5 kWh auf dem Zähler. Die Nettokapazität der Batterie gibt Kia nicht offiziell heraus, gegen die Bruttokapazität von 61 kWh gerechnet, ergeben sich damit theoretisch 350 km Reichweite. In der Realität haben wir deutlich über 300 Kilometer problemlos geschafft. In der Stadt lässt er sich auch ohne Mühe mit 11,2 kWh/100 km bewegen und wenn man die Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h (laut Tacho) ausreizt, bleibt der Verbrauch immer noch knapp unter 30 kWh/100 km.
Auch die Ladeperformance geht völlig in Ordnung, die Spitzenleistung ist mit 112 kW zwar nicht extrem hoch, dafür ist die durchschnittliche Ladeleistung mit fast 90 kW im zehn bis 80 Prozent Ladehub durchaus solide. Die Werksangabe liegt dafür bei 30 Minuten, wir kommen im Test auf die gleiche Zahl.
Für die AC-Ladung sind 11 kW Serie, schon die füllen zumindest den kleinen Akku in angemessener Zeit. Mit dem optionalen 22-kW-Lader (Aufpreis: 990 Euro) ist selbst der große Akku in gut drei Stunden voll, was den EV2 für Laternenparker ganz besonders interessant macht.
Preise und Ausstattungen
In der Basisversion ist der EV2 ab 26.600 Euro zu haben, schon hier ist die Ausstattung ordentlich. Der wichtigste Grund, zur teureren „Air“ Version zu greifen, ist für die meisten wahrscheinlich die Option auf die größere Batterie. Soll diese dabei sein, werden mindestens 33.490 Euro fällig.

Bild: Robin Engelhardt
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Unsere Testwagenausstattung ist mit mindestens 35.790 Euro recht weit von der Basis entfernt. Neben der großen Batterie sind dafür noch Sitz- und Lenkradheizungen, der Frunk, mehr LED-Beleuchtung im Innenraum und eine elektrische Sitzverstellung dabei. Wohlgemerkt nur für den Fahrersitz, der Beifahrersitz muss weiter von Hand verschoben werden.
Fazit
Wie schon beim variablen Innenraum zeigt Kia auch in Sachen Preise und Ausstattung, dass der EV2 für eine sehr breite Zielgruppe konzipiert ist. Vom übersichtlich ausgestatteten Cityflitzer bis zu einer problemlos langstreckentauglichen Vollausstattung kann man Kias kleinstes Elektroauto sehr individuell gestalten.
Er passt in der Stadt in jede Parklücke und fährt dennoch souverän wie ein Großer 170 km/h.
Kia rundet sein Profil nach unten ab und ist für einen ID.Polo, aber auch für diverse chinesische Modelle ein nicht zu unterschätzender Wettbewerber. Während die restliche Autoindustrie seit Jahren in dauerhafter Aufruhr lebt, macht Kia besonnen und ruhig sehr viel richtig.