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ICCT-Studie: Lockerung der CO2-Standards für Pkw gefährdet Jobs

ICCT-Studie: Lockerung der CO2-Standards für Pkw gefährdet Jobs

Auf EU-Ebene zeichnet sich eine Aufweichung der CO2-Flottengrenzwerte für Pkw ab. Eine ICCT-Studie warnt nun: Dies könnte die europäische Autobranche bis zu 185.000 Arbeitsplätze kosten. Bemerkenswert, denn die Autoindustrie selbst sieht die Jobs ja eher durch das derzeit noch strenge 2035er Ziel gefährdet.

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Bilder: BMW / Montage: electrive

Das International Council on Clean Transportation (ICCT) hat den Einfluss der aktuell anstehenden politischen Einscheidungen zur CO2-Regulatorik auf die Beschäftigungsverhältnisse in der europäischen Autoindustrie zusammengefasst. Der Titel der 58-seitigen Studie: „Powering jobs: employment under the EU’s passenger car CO₂ standards“. Als Kernbotschaft halten die Analysten fest, dass die Beibehaltung des aktuellen Ziels – sprich: das de-facto-Aus für Verbrenner-Neuwagen ab 2035 – das derzeitige Beschäftigungsniveau sichern würde. Eine Lockerung zum jetzigen Zeitpunkt sei Job-gefährdent. Die Beibehaltung gekoppelt mit weiteren Instrumenten (z.B. Produktionsförderung in der EU) würde Job-Zuwächse ermöglichen.

ICCT sieht drohenden Nettoverlust an Jobs

Die ICCT-Autoren argumentieren, dass die aktuell debattierte Aufweichung der CO2-Ziele im Pkw-Sektor für 2035 zwar den Stellenabbau in der Produktion von Verbrennungsmotoren vorübergehend stoppen würde, dass sich dafür aber das Beschäftigungswachstum in der Produktion von Elektrofahrzeugen, der

Batteriefertigung, im Recycling und im Ladenetzaufbau verlangsamen würde. Unterm Stich stünde also ein „Nettoverlust an Arbeitsplätzen“, so die Prognose.

Die Beibehaltung der aktuellen EU-Standards dürfte laut dem ICCT hingegen die Beschäftigung bis 2035 weitgehend stabil halten. Denn: „Das Wachstum entlang der gesamten Lieferkette für Elektrofahrzeuge würde genügend Arbeitsplätze schaffen, um die Arbeitsplatzverluste in der Produktion von Verbrennern auszugleichen“, betonen die Studienmacher. Und: Durch die Kombination der Standards mit zusätzlichen industriellen Maßnahmen zur Förderung

der Produktion in der EU könnte diese Stabilität wie gerade erwähnt sogar „in langfristiges Beschäftigungswachstum umgewandelt werden“, heißt es in dem Papier.

Image 2: Icct studie eu co2 jobs

Ehe wir auf die Details schauen, noch kurz zur aktuellen Gesetzgebung: Für den aktuellen Zeitraum 2025 bis 2027 müssen die OEMs in der EU unter einen Flottendurchschnitt von 93,6 g CO2/km kommen, was einer Absenkung um 15 Prozent gegenüber dem Basiswert von 2021 entspricht. 2030 verschärft sich der Zielwert auf eine Reduktion von 55 Prozent, 2035 dann auf 100 Prozent.

So der aktuelle Stand, die EU-Kommission hat jedoch in ihrem Entwurf zum „Auto-Paket“ Ende 2025 eine Lockerung dieser Systematik vorgeschlagen. Erste Ausschüsse des Parlaments gehen diesen Weg mit. Die Mehrheit der Abgeordneten will die Hersteller nur noch zu 95 Prozent CO2-Reduktion bis 2035 verpflichten, wobei die OEMs um weitere 7,5 Prozentpunkte unter diesem Wert liegen dürfen, wenn sie in ihren Fahrzeugen als Kompensation klimafreundlich hergestellten Stahl aus Europa verbauen. Noch muss dieser Vorschlag jedoch durch den weiteren Gremienlauf.

ICCT-Autoren rechnen drei Szenarien durch

Die ICCT-Studie soll nun eine Orientierung liefern, wie sich die unmittelbar bevorstehenden politischen Entscheidungen auswirken werden. Während die Branche selbst warnt, dass die aktuellen CO2-Ziele und speziell der schnelle Übergang zu Elektrofahrzeugen europäische Arbeitsplätze kosten werden, kommt das ICCT zu dem konträren Ergebnis. Sandra Wappelhorst, Forschungsleiterin beim ICCT und Hauptautorin der Studie, kommentiert: „Die Abschwächung der CO2-Normen wird als Mittel zum Schutz von Arbeitsplätzen dargestellt, doch unsere Analyse zeigt das Gegenteil. Stattdessen sollte die EU erwägen, ihre Normen durch Maßnahmen zur Stärkung der heimischen Lieferketten für Elektrofahrzeuge zu ergänzen. Das Festhalten an einer veralteten Technologie wie dem Verbrennungsmotor wird den Arbeitnehmern auf lange Sicht nicht helfen.“

Konkret hat das Autorenteam drei Szenarien durchgerechnet. Das Basisszenario („Aktuelle Standards“)kalkuliert die Beschäftigungsverhältnisse auf Basis der zurzeit geltenden Regeln. Das Szenario „Politische Maßnahmen“ bietet eine Modellierung, wie sich die Jobs entwickeln, wenn die EU on top zusätzlichen

Maßnahmen zur Stärkung der Wertschöpfung in der EU ergreift. Etwa Richtlinien zum lokalen Wertschöpfungsanteil (wie sie beispielsweise im „Industry Accelerator Act“ vorgeschlagen sind, plus Ansätze auf nationaler Ebene) oder gezielte Produktionsanreize. Wichtig: „Anstatt diese Maßnahmen in der Analyse einzeln zu modellieren, beziehen wir allgemeine Annahmen ein, die sie mit einem höheren EU-Produktionsanteil an BEVs und PHEVs verknüpfen“, äußern die Autoren zur Methodik.

Im dritten Szenario „Verzögerte Normen“ geht das ICCT von einer fünfjährigen Verzögerung bei der Umsetzung der CO2-Normen und einer damit einhergehenden, langsamer voranschreiten Elektrifizierung aus („wobei die Anteile von BEVs und PHEVs bis 2030 moderat steigen und im Jahr 2040 bei den Neuwagenverkäufen 100 % BEVs erreichen würden“). Die fünfjährige Verzögerung bezeichnet das ICCT selbst als „vereinfachende Annahme“, denn in der Praxis könne eine Lockerung der Vorschriften verschiedene Formen annehmen.

Weitere Einflüsse auf die Joblage bleiben außen vor

Methodisch noch zu beachten ist, dass das ICCT die Studie bewusst auf die Effekte der CO2-Gesetzgebung auf die Branchen-Beschäftigung verengt hat. Weitere Faktoren, die die künftige Beschäftigungslage beeinflussen könnten, sind ausgeklammert – etwa die Fortentwicklung bei Automatisierung und Digitalisierung oder geopolitische oder allgemein wirtschaftlicheTrends.Auch werden weitere Anknüpfungspunkte wie der Weiterbildungsbedarf der Belegschaft nicht bewertet. Es geht rein um die Jobeffekte im Kontext der nun anstehenden politischen Weichenstellungen.

Zu den Ergebnissen: Die ICCT-Analyse zeigt, dass die kurzfristigen Beschäftigungsunterschiede bei den verschiedenen Regulierungsszenarien bis 2030 eher gering sind. Bis 2035 zeichnet sich laut den Autoren jedoch ein klares Bild ab: Während die Beibehaltung der derzeitigen CO2-Standards die Beschäftigung im Jahr 2035 auf einem Niveau halten würde, das nur etwa zwei Prozent unter dem von 2025 liegt, würden zusätzliche industrielle Maßnahmen zur Förderung der Produktion in der EU die Nettobeschäftigung um etwa zehn Prozent oder rund 320.000 zusätzliche Arbeitsplätze erhöhen.

Eine Abschwächung der CO₂-Standards hätte der Studie zufolge den gegenteiligen Effekt: Die Beschäftigung könnte um bis zu sechs Prozent unter das Niveau von 2025 sinken, was laut den ICCT-Experten einem Verlust von bis zu 185.000 Arbeitsplätzen entspräche. „Im Vergleich zur Ergänzung der aktuellen CO2-Standards durch industriepolitische Maßnahmen würde eine Verzögerung

der Standards daher bis 2035 zu einer Beschäftigungslücke von einer halben Million Arbeitsplätzen führen, wobei das Tempo des Übergangs zu Elektrofahrzeugen zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit des EU-Automobilsektors bestimmt“, arbeitet das Autorenteam heraus.

Tempo der Antriebswende ist entscheidend

Ergänzend merkt das ICCT Folgendes an: „Ob in aufstrebenden Branchen wie der Produktion von Elektrofahrzeugen, der Batterieherstellung und dem

Recycling sowie der Ladeinfrastruktur tatsächlich neue Arbeitsplätze entstehen, hängt von zwei Faktoren ab: dem Tempo der Umstellung auf Elektrofahrzeuge und davon, wie viel von der mit dieser Umstellung verbundenen Produktion in der EU stattfindet.“ Beides hängt auch wesentlich mit den künftigen politischen Leitplanken zusammen.

Klar ist: Die Pkw-Produktion macht den größten Anteil an den Unterschieden zwischen den drei Szenarien aus, wobei Batterieproduktion/-recycling sowie der Aufbau und die Wartung der Ladeinfrastruktur zunehmend bedeutender würden. Peter Mock, Direktor von ICCT Europe, fasst zusammen: „Batterie-elektrische Fahrzeuge setzen sich weltweit auf den Märkten durch, und die CO2-Normen der EU werden entscheidend dazu beitragen, welche Rolle Europa bei dieser Entwicklung einnehmen wird. Die Beibehaltung der aktuellen CO2-Standards wird dazu beitragen, europäische Hersteller an die Spitze des Marktes für Elektrofahrzeuge zu bringen.“