UK-Regierung will E-Auto-Verkaufspflicht lockern – aber nur ein bisschen

Die britische Regierung hat eine Überprüfung des ZEV-Mandats eingeleitet und ist gewillt, die E-Auto-Verkaufsvorgaben für den Zeitraum 2027 bis 2035 zu lockern. Im Zuge der Konsultation wird aber klar: Die Politik will weniger stark nachlassen als ursprünglich gedacht.
Bild: Nissan
Wie die „Financial Times“ berichtet, vertritt die Regierung unter Andy Burnham die Position, dass bis 2030 nicht wie gemäß dem aktuellen ZEV-Mandats mehr 80 Prozent aller Neuwagen in Großbritannien rein elektrisch sein müssen, sondern nun 60 Prozent, plus die restlichen 40 Prozent Hybridfahrzeuge. Reine Benzin- und Dieselfahrzeuge sollen somit ab 2030 nicht mehr zugelassen werden. Die britische Autobranche war eigentlich von einer umfänglicheren Lockerung ausgegangen.
Diese Informationen basieren laut „FT“ auf „vertrauten Kreisen“. Demnach habe Burnhams Regierung im Zuge der aktuellen Konsultationen die Branche zu besagtem 60-Prozent-BEV-Ziel bis 2030 befragt. Die Reaktionen auf diesen Vorschlag sind noch unklar. Unter anderem Ford und Nissan hatten aber schon vor der Konsultation gefordert, das Verkaufsziel für Neuwagen auf 40 oder 50 Prozent BEVs zu senken. Und auch Peter Kyle, Wirtschaftsminister unter Burnhams Vorgänger Sir Keir Starmer, unter dem die Konsultationen noch vorbereitet worden waren, hatte angestrebt, die E-Quote im Jahr 2030 von 80 auf 50 Prozent zu senken.
Laut „FT“ sind die nun zur Debatte gestellten 60 Prozent in der Burnham-Regierung durchaus umstritten: „Das Wirtschaftsministerium setzt sich für eine möglichst starke Senkung der Quote ein, um die britische Automobilindustrie zu unterstützen, die unter dem Druck chinesischer Konkurrenz steht und einen langsameren Übergang zur Elektromobilität wünscht. Das Ministerium für Energiesicherheit und Netto-Null-Emissionen hingegen hält dagegen, da es sicherstellen will, dass Großbritannien seine Klimaziele weiterhin erreicht.“
Zwar sind auch in Großbritannien die Zulassungszahlen von E-Autos wie in fast allen Industrienationen Europas in diesem Jahr gestiegen. Allerdings weniger stark als beispielsweise in Deutschland oder Frankreich: Der E-Anteil liegt dort aktuell bei 26 Prozent – gegenüber 22 Prozent im Vorjahr. Die in Großbritannien ansässigen Automobilhersteller argumentieren schon länger, dass der geplante Anstieg des ZEV-Mandats von 38 Prozent im kommenden Jahr auf 80 Prozent bis Ende des Jahrzehnts unrealistisch sei.
Um sich bei den sehr unterschiedlichen Positionen wieder näher zu kommen, läuft aktuell die erwähnte Konsultation. Sie startete Mitte August und geht noch bis zum 23. Oktober 2026. Im Zuge des Austauschs haben Autohersteller, Branchenakteure und weitere Interessengruppen nun gut zwei Monate lang Zeit (gehabt), offiziell Stellung zu nehmen.
Zum Hintergrund: Großbritannien hat sich im Rahmen seines ZEV-Mandats seit 2024 extrem ehrgeizige und sich stetig verschärfende E-Auto-Verkaufsziele verpasst. Doch in der Branche rumort es deshalb schon länger. Für den britischen Neu-Premier Andy Burnham ist die von der Vorgängerregierung geerbte Konsultation nun die erste politische Maßnahme in Zusammenhang mit der Autoindustrie.
Und darum geht’s: Die ZEV-Vorgaben wurde 2024 eingeführt – und zwar mit der Vorgabe, dass Hersteller sicherstellen müssen, dass 22 Prozent aller Pkw-Verkäufe auf Elektrofahrzeuge entfallen. Diese Quote stieg 2025 auf 28 Prozent und liegt in diesem Jahr bei 33 Prozent. Das Ziel für das nächste Jahr liegt bei 38 Prozent, dann steigt es steil an auf 52 und 66 Prozent in den Jahren 2028 und 2029 – und auf 80 Prozent im Jahr 2030. Für die Jahre zwischen 2030 und 2035 gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine festgelegten Ziele. 2035 soll aber Stand jetzt de facto ein Verbrenner-Verkaufsverbot gelten. Im Fokus der laufenden Konsultation stehen die Zieljahre 2027 bis 2035.
Britische Medien und Portale berichten unterdessen, dass so gut wie in der gesamten britischen Autobranche die Ansicht herrscht, dass die Vorgaben in ihrer aktuellen Ausprägung schlichtweg nicht realisierbar sind. Diese Position vertritt auch der Autoverband SMMT („Society of Motor Manufacturers and Traders) und argumentiert, dass die Vorschrift zwar das Angebot, nicht aber die Nachfrage erzwingen können, weshalb die Automobilhersteller wiederum dazu gedrängt werden, Milliarden für Rabatte und Co. auszugeben, um die Nachfrage künstlich anzukurbeln. Dies sei kein nachhaltiges Geschäftsmodell, betont Mike Hawes, Chief Executive von SMMT.
Im ihrer 2024 eingeführten, originalen Fassung gelten die ZEV-Vorgaben übrigens bereits jetzt schon nicht mehr. Zwischenzeitlich wurden bereits die Bußgelder für nicht-konforme Fahrzeuge gegenüber den Herstellern von 15.000 auf 12.000 Pfund gesenkt. Und vor allem haben die OEMs fast analog zu den EU-Herstellern ein größeres Maß an Flexibilität bei der Erfüllung der Vorgaben erhalten. Dabei können die Verkäufe nun teils über mehrere Jahre gebündelt verrechnet werden.