Die T&E-Studie prognostiziert starke Konkurrenz auf dem EU-Elektro-Lastwagenmarkt

Vor der IAA Transportation warnt eine neue T&E-Analyse davor, dass europäische Lastwagenhersteller bis 2030 mit erheblicher Konkurrenz konfrontiert sein könnten. Laut dem Bericht könnte ein Viertel des Elektro-Lastwagenmarktes innerhalb von drei Jahren an neue Wettbewerber aus China und den USA verloren gehen.
Elektro-Lastwagen der Marke Sany sind zum Versand bereit.
Bild: SANY Truck
Die Organisation Transport & Environment (T&E) hat eine Wettbewerbsanalyse zur Entwicklung des europäischen Elektro-Lkw-Marktes veröffentlicht. Für diese Studie untersuchten die Forscher Kosten, technische Anforderungen sowie die Ziele der Hersteller und nutzten diese Erkenntnisse als Grundlage für ihre Modellierung. Der Kontext ist folgender: Der EU-Lkw-Markt mit einem jährlichen Volumen von 245.000 Fahrzeugen wird derzeit von wenigen etablierten Herstellern dominiert – nämlich Daimler Truck, Traton mit seinen Tochterunternehmen Scania und MAN, Iveco, DAF sowie der Volvo Group mit ihren Tochterunternehmen Volvo Trucks und Renault Trucks. Gleichzeitig steigt der Anteil der Elektro-Lkw: Obwohl er noch auf einem sehr niedrigen Niveau liegt, sind die Wachstumsraten so stark, dass erwartet wird, dass Elektro-Lkw in den kommenden Jahren einen immer größeren Anteil an neuen Registrierungen ausmachen werden.
T&E hat diesen Bereich in seinen Modellen genauer untersucht. Die zentrale Botschaft der Analyse: Chinesische und amerikanische Lastwagenhersteller könnten bis 2030 ein Viertel des europäischen Marktes für Elektrolastwagen übernehmen, falls die inländischen Hersteller die Elektrifizierung nicht beschleunigen. T&E formuliert es wörtlich so: „Es wird entscheidend sein, dass die Lastwagen-CO2-Standards weiterhin anspruchsvoll bleiben, damit die EU-Hersteller Marktführer bleiben können.“ Mit anderen Worten raten die Analysten zu einem proaktiven Ansatz bei der Elektrifizierung.
Importeure aus Drittländern planen Expansion in die EU
In diesem Jahr haben sich mehrere Hersteller von Nutzfahrzeugen aus China – einige neu, andere etabliert – für die IAA Transportation angemeldet (mehr dazu in unserer umfassenden Übersicht zur Messe für Elektro-Lkw). Diese Hersteller – darunter Sany, Sinotruk, SuperPanther, FAW Trucks, Foton und weitere – werden hauptsächlich mit Elektro-Lkw in den europäischen Markt einsteigen. Einige sind Start-ups, während andere etablierte Hersteller mit jahrzehntelanger Industrieerfahrung sind. Zudem können diese Unternehmen aufgrund des weiter entwickelten Elektro-Lkw-Marktes in China von einem Vorsprung in Bezug auf Erfahrung profitieren.
Von jenseits des Atlantiks hat Tesla ernsthafte Expansionspläne für Europa als erster US-Hersteller von Elektro-Lkws angekündigt. Da die technischen Details sowie Preise der europäischen Version des Tesla Semi erst auf der Messe offengelegt werden, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch wenig über ihre Marktposition sagen. Daher mussten T&E-Experten bei ihrer Analyse auf die US-Spezifikationen des Tesla zurückgreifen. Das ist eine Schwäche der Studie: Was die Preise und technischen Spezifikationen zukünftiger Wettbewerbsmodelle sowie die Ziele der Hersteller betrifft, sind die Analysten unweigerlich auf Informationen angewiesen, die in einigen Fällen noch unvollständig sind oder bisher nur kurz angedeutet wurden.
Es ist wichtig, dies bei der Betrachtung der Ergebnisse im Hinterkopf zu behalten. In ihrer Analyse kommt T&E zu dem Schluss, dass die Gesamtbetriebskosten eines chinesischen Elektro-LKWs bis zu 12 Prozent niedriger sein könnten als bei einem vergleichbaren europäischen Modell – was einer „Einsparung von bis zu 43.000 Euro über fünf Jahre“ entsprechen könnte. Im Rahmen dieser Schätzung untersuchte das Forschungsteam typische 4×2-Schwerlast-LKW für den Langstreckentransport, die im Jahr 2026 in Deutschland gekauft wurden (unter Annahme einer Diskontrate von 9,5 Prozent). Hier ist die dazugehörige Grafik:

Diese geringere Gesamtbetriebskosten könnten für potenzielle Kunden entscheidend sein, insbesondere da laut dem T&E-Bericht „elektrische Lkw neuer Anbieter in wichtigen Kriterien wie Reichweite, Ladezeit, maximale Nutzlast und Energieeffizienz genauso gut abschneiden wie europäische Lkw“. Zudem: „Die neuen Anbieter hoffen, bis 2030 bis zu ein Viertel des schweren E-Lkw-Marktes für sich zu gewinnen.“ Dies lässt sich aus ihren angestrebten Zielen für den europäischen Elektro-Lkw-Markt ableiten.
Johanna Braun, Leiterin für E-Mobilität bei Lastkraftwagen und Infrastruktur bei T&E Germany, fasst zusammen: „Wettbewerbsfähige Elektro-Lastkraftwagen aus China und den USA dringen bereits auf den europäischen Markt vor, wobei weitere Modelle angekündigt wurden. An diesem entscheidenden Punkt sollten Lastkraftwagenhersteller aus den Fehlern der Automobilindustrie lernen. Ein Verzögern der Elektrifizierung würde nun den Weg für Konkurrenten aus den USA und China ebnen. Sie könnten einen erheblichen Marktanteil in Europa und weltweit gewinnen.“
Kunden mit hoher Kostenempfindlichkeit
T&E stützt diese Hypothese auf die Annahme, dass Kunden bei Investitionsentscheidungen für Lkw in erster Linie Kostengesichtspunkte berücksichtigen. Eine Reduzierung der Gesamtbetriebskosten um mehr als 10 Prozent könnte in der Transportbranche, die mit nur 1,5 bis 2 Prozent äußerst geringen Gewinnmargen arbeitet, entscheidend sein. „Ein deutscher Transportunternehmer, der heute statt eines europäischen Modells einen Elektro-Lkw eines Neulingen wählt, könnte die Gesamtbetriebskosten von 0,63 €/km auf 0,55 €/km (einschließlich Restwert) senken“, erklären die Analysten.
Wie es für T&E typisch ist, verbindet die Organisation ihre Forschungsergebnisse mit Warnungen und politischen Empfehlungen. Angesichts der Marktdominanz einiger weniger Akteure könnten neue, wettbewerbsfähige Marktteilnehmer schnell einen großen Marktanteil erlangen, indem sie vergleichbare Qualität zu niedrigeren Preisen anbieten, schreibt das T&E-Team. Die zunehmende Verbreitung von Elektro-Lkws in der EU hängt ihrer Ansicht nach eng mit den seit Juli 2025 geltenden CO₂-Emissionsstandards für Lkws sowie fallenden Batteriepreisen zusammen. Die Organisation ruft daher die deutsche Bundesregierung auf, in Brüssel für die Beibehaltung ehrgeiziger CO₂-Emissionsstandards für Lkws auf EU-Ebene einzutreten.
Johanna Braun fasst zusammen: „Der Wettlauf um die Marktführerschaft bei Elektro-Lkws ist in vollem Gange. Kanzler Friedrich Merz sollte auf europäischer Ebene ehrgeizige Dekarbonisierungsziele befürworten, wenn er verhindern will, dass es im Lkw-Sektor zu einer ähnlichen Krise wie derzeit in der Automobilindustrie kommt. Mehr Wettbewerb kann Logistikunternehmen und Verbraucher profitieren lassen. Europäische Hersteller sollten ihrem Widerstand gegen Emissionsstandards für Fuhrparks entsagen und sich, genauso wie ihre neuen Konkurrenten, konsequent auf Elektro-Lkws konzentrieren.“