Schweizer machen Tesla Cybertruck europatauglich

Werk.lab und Revoltaris arbeiten daran, den Tesla Cybertruck durch die Schweizer Zulassung zu bringen. Dafür musste der Elektro-Pick-up an mehreren Stellen technisch überarbeitet werden.

Für die Zulassung soll der Cybertruck z.B. eine neue Carbon-Front bekommen.
Bild: Tesla
Wenn sich ein Auto nicht an die Regeln hält, kann man natürlich die Regeln ändern. Oder eben das Auto. Im Fall des Tesla Cybertruck haben sich werk.lab und Revoltaris für Variante zwei entschieden und damit vielleicht für die Arbeitsintensivere.
Tesla selbst verkauft den Cybertruck bislang nicht offiziell in Europa. Das Schweizer Engineering-Unternehmen werk.lab und der auf Tesla spezialisierte Betrieb Revoltaris wollen das Fahrzeug dennoch zulassungsfähig machen und anschließend als freie Importeure anbieten. Das Projekt befindet sich nach Angaben der Beteiligten inzwischen in einer fortgeschrittenen Phase. Ein Marktstart wird laut Berichten von „auto motor und sport“ für 2027 angepeilt.
Ein Cybertruck All-Wheel Drive und ein Cyberbeast wurden dafür aus den USA in die Schweiz geholt. Seitdem geht es weniger um Beschleunigungswerte als um Fußgängerschutz, Bremswege, Beleuchtung und Radien an Karosseriekanten. Eine der Prüfungen betraf die Bremsanlage. Der rund 3,5 Tonnen schwere Cybertruck musste aus 100 km/h zum Stillstand gebracht werden. Nach Angaben der Projektverantwortlichen bestand das Fahrzeug den Test mit lediglich 0,3 Sekunden Reserve. Wäre der Wert schlechter ausgefallen, hätte die Bremsanlage angepasst oder ersetzt werden müssen.
Deutlich größere Änderungen waren beim Fußgängerschutz nötig. Die massive Edelstahlfront des Serienfahrzeugs erwies sich laut werk.lab als zu hart für die entsprechenden Aufpralltests. Die Entwickler konstruierten deshalb eine neue Front aus Carbon und änderten auch die darunterliegende Struktur. Optisch soll sie sich möglichst wenig vom Original unterscheiden.
Zusätzlich wurde hinter dem Stoßfänger Schaum eingebracht, um die Belastung bei einem Knieaufprall zu reduzieren. Ausgerechnet der Teil des Cybertruck, der seine martialische Optik wesentlich prägt, musste damit für die Zulassung weicher werden.

Auch die charakteristisch scharfen Karosseriekanten bereiteten Probleme. Nach Angaben der Projektpartner müssen relevante Außenkanten einen Radius von mindestens 2,5 Millimetern einhalten. Der Cybertruck erfüllt diese Vorgabe in seiner US-Ausführung nicht. Für das Zulassungsprojekt wurde deshalb ein maßgeschneiderter Kantenschutz aus Carbon entwickelt, der rund um das Fahrzeug angebracht wird. Bei der Beleuchtung musste ebenfalls nachgebessert werden. Dem US-Modell fehlen die für die Zulassung in Europa erforderlichen seitlichen Fahrtrichtungsanzeiger, weshalb zusätzliche Blinker installiert wurden.
Das klingt nach einer überschaubaren Liste. Dahinter steckt allerdings eine Reihe einzelner Prüfverfahren: Für die verschiedenen Tests mussten laut Revoltaris jeweils Prüfstellen gefunden werden, die zuvor noch keinen Cybertruck bewertet hatten. Noch ist der Umbau kein Beleg dafür, dass der Cybertruck demnächst regulär bei europäischen Tesla-Niederlassungen steht. Tesla selbst ist an dem Projekt nicht beteiligt und hat bislang keine offizielle Europa-Version angekündigt.

Schweizer Zulassung ist noch kein EU-Freifahrtschein
Eine Schweizer Zulassung bedeutet zudem nicht automatisch eine EU-weite Typgenehmigung. Zwar orientieren sich viele Schweizer Fahrzeugvorschriften an europäischen und internationalen Standards, für andere Märkte können aber weiterhin nationale Einzel- oder Sonderzulassungen erforderlich sein.
Revoltaris will dennoch ab 2027 Cybertrucks anbieten. Geplant sind der All-Wheel Drive mit rund 600 PS sowie das Cyberbeast mit rund 845 PS. Der Importeur nennt für einen gebrauchten Cybertruck All-Wheel Drive mit geringer Laufleistung rund 155.000 Schweizer Franken (rund 168.900 Euro), das Cyberbeast soll etwa 189.000 Franken (rund 205.970 Euro) kosten. Zum Schnäppchen wird der Umweg über die Schweiz also nicht. Und auch funktional müssen Interessenten Abstriche machen. Die integrierte Tesla-Navigation ist bei den importierten Fahrzeugen derzeit nicht aktiv. Damit fehlt auch die automatische Batterievorkonditionierung vor einem Schnellladestopp.
Für das Laden sollen Adapter für CCS und Typ 2 zum Einsatz kommen. Eine Tesla-Werksgarantie gibt es ebenfalls nicht. Revoltaris will stattdessen eigene Garantie- und Serviceangebote organisieren und ein Netzwerk für Karosseriearbeiten aufbauen. Ersatzteile müssen teilweise weiterhin aus den USA beschafft werden.
Interessenten können bereits Plätze reservieren. Eine unverbindliche Vormerkung kostet 175 Franken (rund 190 Euro) mit 2.000 Franken (rund 2.180 Euro) lässt sich laut Anbieter einer der ersten Auslieferungsplätze sichern. Beide Zahlungen sollen nicht erstattet werden auch dann nicht, wenn das Zulassungsprojekt am Ende scheitert.
Im dritten Quartal 2026 stagnierte der Gesamtumsatz von Tesla, während der Gewinn deutlich zurückging. Einen direkten Zusammenhang mit der fehlenden Europa-Version des Cybertruck hat Tesla allerdings nicht hergestellt. Der europäische Cybertruck bleibt damit vorerst ein ziemlich aufwendiges Experiment. Aber immerhin eines mit weicheren Knien, runden Kanten und einem Prüfbericht, der vermutlich länger ist als die Bedienungsanleitung von manchen multifunktionalen Taschenmessern.