NIO bleibt in Europa und wählt einen neuen Kurs: ONVO folgt 2028-2029

In Europa waren es unruhige Monate um NIO. Die Verkäufe laufen schlecht, und die Marke hat ihre europäische Organisation sowie Arbeitsweise angepasst. Doch wer daraus schließt, dass NIO dabei ist, Europa zu verlassen, zieht laut dem Unternehmen den falschen Schluss. Der Gründer und CEO William Li ist diese Woche persönlich in Europa, um den neuen Kurs zu erläutern: NIO möchte bleiben, wählt aber einen anderen Ansatz.
Es lag nie an der Wertschätzung für die NIO-Modelle. Bei der Wahl zum „EV des Jahres“ auf e-Drivers.com erhielt der NIO ET7 im Jahr 2023 die meisten Stimmen des Publikums. Ein Jahr später geschah genau das Gleiche mit dem NIO ET5 Touring. Dennoch hat NIO diese Wertschätzung bislang nicht in starke Verkaufszahlen in Europa umsetzen können. Genau dort soll die neue europäische Strategie Veränderungen herbeiführen.
NIO möchte gezielter wachsen, stärker auf lokale Märkte Rücksicht nehmen und europäische Wünsche früher in Entscheidungen bezüglich neuer Autos berücksichtigen. Gleichzeitig macht das Unternehmen deutlich, dass Europa weiterhin Teil seiner Zukunftspläne bleibt. So bestätigt NIO nun auch, dass der ONVO nach Europa kommt – voraussichtlich in den Jahren 2028–2029.

NIO wählt einen anderen europäischen Ansatz
NIO hat im vergangenen Jahr bereits damit begonnen, seine Organisation in Europa, seine physische Präsenz sowie sein Geschäftsmodell anzupassen. Laut dem Unternehmen handelt es sich dabei nicht um isolierte Maßnahmen, sondern um eine umfassendere Veränderung der europäischen Strategie. Der Schwerpunkt liegt weniger auf schneller Expansion und mehr darauf, herauszufinden, welche Produkte, Märkte und Vertriebsmodelle tatsächlich zueinander passen.
William Li betrachtet diese Kursänderung nicht als ein Zeichen der Schwächung. Laut dem NIO-CEO steht das Unternehmen sogar stärker da als zu der Zeit, als es vor einigen Jahren mit seiner Expansion nach Europa begann. „NIO ist heute ein stärkeres Unternehmen als damals, als wir mit unserer Expansion nach Europa begannen. Wir wachsen, unsere betrieblichen Leistungen haben sich deutlich verbessert und unsere Produkte bewähren sich auf einem der wettbewerbsintensivsten Automärkte der Welt“, so Li.
Laut ihm haben die Teams im vergangenen Jahr zudem gezeigt, dass sie Produkte, Dienstleistungen und die Geschäftsabläufe anpassen können, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Die internationalen Ambitionen von NIO sind demnach nicht verschwunden. Allerdings könnte die Expansion langsamer voranschreiten als ursprünglich angenommen. Das Unternehmen möchte neue Märkte nicht mehr vor allem schnell betreten, sondern zunächst prüfen, ob Produkt, Markt und Geschäftsmodell gut zueinander passen.

Europa bleibt wichtig für NIO
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass NIO sich aus Europa zurückzieht. Li sieht weiterhin großes Potenzial auf dem europäischen Markt, möchte aber die nächsten Schritte vorsichtiger angehen. „Wir glauben weiterhin fest an das langfristige Potenzial Europas. Deshalb gehen wir unsere nächsten Schritte in Europa bewusst und diszipliniert vor, in einem Tempo, das ein nachhaltiges Wachstum ermöglicht, anstatt Expansion als Ziel an sich anzustreben“, sagt Li.
Das ist vielleicht die wichtigste Veränderung im Vergleich zur ersten europäischen Phase von NIO. Während ursprünglich viel Wert auf die Expansion in neue Länder und den Aufbau einer eigenen Organisation gelegt wurde, wählt das Unternehmen nun stärker maßgeschneiderte Ansätze. Auf ausgewählten Märkten bleibt NIO direkt aktiv, während es in anderen Ländern mit lokalen Distributoren zusammenarbeiten kann.

Europäische Kunden erhalten mehr Einfluss
Ein weiterer wichtiger Bestandteil der neuen Strategie ist, dass europäische Kunden sowie lokale Marktkenntnisse künftig früher in Entscheidungen bezüglich zukünftiger Autos und Dienstleistungen einbezogen werden müssen. NIO möchte lokale Marktbedürfnisse künftig früher und systematischer bei Produkt- und Unternehmensentscheidungen berücksichtigen.
Das passt zum Konzept der „User Enterprise“, mit dem sich NIO von Anfang an abheben wollte. Während seines Besuchs in Europa sprach William Li erneut mit Nutzern über ihre Erfahrungen mit der Marke. „NIO ist als User Enterprise aufgebaut und das bleibt einer unserer größten Stärken. Unsere Nutzer sagen uns sehr direkt, was funktioniert, was fehlt und was sie von uns erwarten. Das habe ich während meiner Gespräche hier in Europa erneut erlebt“, so Li.
Laut Li verfügt NIO in Europa über eine aktive und loyale Nutzergruppe. Ihr Feedback soll künftig eine größere Rolle bei Produktentscheidungen und der weiteren Entwicklung der Marke spielen.
Die Wertschätzung für Modelle wie den ET7 und den ET5 Touring zeigt, dass NIO technisch sowie hinsichtlich des Produktkonzepts durchaus Eindruck machen kann. Die Herausforderung liegt vor allem darin, dies in ein Angebot und ein Geschäftsmodell umzusetzen, mit dem die Marke auch kommerziell eine größere Rolle in Europa spielen kann.

Bestehende NIO-Fahrer bleiben unterstützt
Für bestehende NIO-Fahrer versucht das Unternehmen derzeit, eine klare Botschaft zu vermitteln. Laut NIO bleiben Serviceleistungen, Garantien, Ersatzteile sowie vernetzte Dienste während der gesamten Lebensdauer der Autos verfügbar. Auch der Service sowie die Community rund um die Marke bleiben Teil des weltweiten Geschäftsmodells.
Das ist relevant, da NIO seine Präsenz in Europa anders organisiert. Gerade Veränderungen in den Vertriebskanälen oder die physische Präsenz einer Marke können bei bestehenden Kunden Fragen zu Service und Unterstützung aufwerfen. NIO betont daher, dass die Anpassungen am europäischen Geschäftsmodell keinen Austritt aus Europa bedeuten.
ONVO soll ein größeres europäisches Publikum ansprechen
Ein konkreter Beweis dafür, dass NIO weiterhin europäische Pläne hat, ist ONVO. Die zweite Marke innerhalb von NIO Inc. ist nun für internationale Märkte bestätigt und wird voraussichtlich 2028–2029 in Europa erscheinen. ONVO richtet sich stärker auf intelligente Elektrofamilienautos und damit auf ein breiteres Marktsegment als NIO selbst. Laut dem Unternehmen ist die Marke dadurch gut positioniert, um den eher mainstream-orientierten Teil des europäischen Marktes anzusprechen, wo eine größere Kundengruppe erreicht werden kann.
Li betrachtet die Erfahrungen des Konzerns in China als einen wichtigen Vorteil. „Auf der Grundlage unserer Erfahrungen in China, dem wettbewerbsintensivsten Automarkt der Welt, entwickeln wir ONVO-Modelle mit der Kostenstruktur, die notwendig ist, um weltweit konkurrenzfähig zu sein“, so der NIO-CEO.
Laut Li bildet das eine wichtige Grundlage für weiteres internationales Wachstum. NIO gibt außerdem an, weiterhin Möglichkeiten für die Marken NIO und Firefly in Europa zu prüfen. Welche Modelle letztendlich auf welche europäischen Märkte kommen, hängt zunehmend von der lokalen Nachfrage sowie davon ab, ob ein gesundes Geschäftsmodell möglich ist.

NIO wächst in der Zwischenzeit weltweit stark weiter
Die schwierige Situation in Europa steht gleichzeitig im scharfen Kontrast zur weltweiten Entwicklung von NIO. Im ersten Halbjahr 2026 lieferte NIO Inc. 191.123 Autos aus, was 67,4 Prozent mehr ist als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Umsatz stieg um 85,8 Prozent auf 8,44 Milliarden Dollar.
Auch der Bruttogewinn verbesserte sich stark und lag bei 1,57 Milliarden Dollar, was 282,2 Prozent mehr ist als im Vorjahr. Zudem gibt NIO an, im zweiten Quartal einen positiven bereinigten operativen Gewinn erzielt zu haben. Am Ende dieses Quartals verfügte das Unternehmen über 56,7 Milliarden Yuan an Liquiditäten, Investitionen und Depots.
Laut NIO bietet diese verbesserte operative Situation eine solide Grundlage für weiteres Wachstum auch auf internationaler Ebene. Li betont dabei, dass NIO jetzt ein stärkeres Unternehmen sei als zu Beginn der Expansion in Europa.
Mehr Langsamkeit kann durchaus vernünftig sein
Nios europäische Ambitionen sind dadurch nicht verschwunden, sondern wurden realistischer. Das Unternehmen scheint aus seinen ersten Jahren in Europa gelernt zu haben. Gute Autos und die Wertschätzung durch Nutzer reichen allein nicht aus, wenn das Produktangebot und das Geschäftsmodell nicht gut zum lokalen Markt passen.
Während früher vor allem die Expansion im Vordergrund stand, geht es jetzt mehr darum, das richtige Auto zum richtigen Zeitpunkt auf dem richtigen Markt anzubieten. ONVO könnte ab 2028 oder 2029 dabei eine wichtige Rolle spielen, während europäische Nutzer mehr Einfluss auf zukünftige Produkte haben sollten.
Das klingt vielleicht weniger spektakulär als das schnelle Eröffnen neuer Märkte. Doch für NIO kann gerade diese Kombination aus stärkerem Fokus auf den lokalen Markt, besserm Anschluss an die Kundenbedürfnisse und weniger Eile die bessere Grundlage sein, um in Europa dennoch eine nachhaltige Position aufzubauen.
Text: Marc Verweij