Neue BMW i3-Test: Selbst der eingefleischte Benzinfahrer wird zweifeln

Der neue BMW i3 50 xDrive macht mit einer WLTP-Reichweite von 912 Kilometern und einer Schnellladefähigkeit von 400 kW einen ziemlichen Eindruck. Doch wie fährt dieses vollständig elektrische Modell der 3er-Reihe eigentlich? In diesem BMW i3 50 xDrive-Test stellen wir fest, dass BMW insbesondere in einem anderen Bereich gute Arbeit geleistet hat.
Keine Kompromisse mehr bei der Reichweite?
Da ist er also, der neue BMW i3 – die elektrische 3er-Reihe, die einem der hartnäckigsten Einwände gegen das Elektrofahren ein Ende setzen soll. Sie kennen sie sicher: Autofahrer, die erst umsteigen wollen, wenn sie genauso weit fahren können wie mit ihrem Benzinauto und unterwegs nicht endlos laden müssen. Mit diesem BMW wird dieses Argument zumindest erheblich weniger überzeugend.
Bei Geburtstagen und Feiern hören wir das immer noch häufig: Elektrofahrzeuge sind in Ordnung – aber dann ohne Kompromisse. Tatsächlich erfordern einige Elektroautos immer noch etwas mehr Planung. Doch das ändert sich ziemlich schnell. Eine Reichweite von 700 bis 800 Kilometern ist bei den teureren Elektrofahrzeugen inzwischen keine Ausnahme mehr. Die Grenze von 900 Kilometern ist deutlich schwieriger zu erreichen, obwohl Lucid diese bereits überschritten hat. Dafür ist in der Regel ein deutlich höherer Preis zu zahlen.
BMW gibt für den i3 50 xDrive eine maximale WLTP-Reichweite von ganze 912 Kilometern an. Das ist besonders viel für einen elektrischen Sportwagen mit Allradantrieb und 469 PS. Zudem handelt es sich nicht um ein theoretisches Modell der Zukunft – das Auto steht bereits in der Preisliste.

Test des BMW i3 50 xDrive: Viel Fahrleistung fürs Geld
Die große Reichweite kommt nicht aus heiterem Himmel. Unter dem Boden befindet sich ein Akkupaket mit einer nutzbaren Kapazität von 108,7 kWh. Das ist eine beträchtliche Menge an Energie – besonders für einen Sedan. Die technische Basis teilt sich der i3 mit dem BMW iX3, der ebenfalls von BMWs Neue Klasse-Technologie profitiert.
Besonders interessant ist der Preis. Laut der offiziellen niederländischen Preisliste beginnt der BMW i3 50 xDrive bei 63.301 Euro. Damit ist er keineswegs günstig, doch angesichts der Leistung, der Akkukapazität und der Reichweite ist er konkurrenzfähig bewertet. Ein Tesla Model 3 Long Range und ein Polestar 2 Long Range sind günstiger, erreichen aber auf dem Papier weniger Reichweite und laden langsamer. Auch die elektrische Mercedes C-Klasse hat nun einen ernsthaften Konkurrenten bekommen.
Einen Schritt niedriger liegt der BMW i3 40 xDrive. Für 57.891 Euro erhält man ebenfalls Allradantrieb, allerdings mit 374 PS, einem kleineren Akkupaket mit etwa 83 kWh nutzbarem Speichervolumen und einer maximalen WLTP-Reichweite von 710 Kilometern. Für etwas mehr als 5.500 Euro bietet der 50 xDrive somit fast 100 PS mehr sowie eine um mehr als 200 Kilometer höhere theoretische Reichweite. In diesem Fall würden wir uns ernsthaft die leistungsstärkere Ausführung ansehen.
BMW plant außerdem weitere Ausstattungsvarianten. Es wird eine Hinterradantriebsversion folgen sowie ein sportlicherer M60 xDrive. Auch eine Touring-Version ist in Sicht. Im Moment konzentriert man sich jedoch auf diesen i3 50 xDrive.



400 kW Schnellladen macht den Unterschied
Eine große Aktionsreichweite ist angenehm, aber mindestens genauso wichtig ist die Geschwindigkeit, mit der man unterwegs aufladen kann. Da hat BMW hervorragende Lösungen parat. Dank der 800V-Architektur kann der i3 50 xDrive unter günstigen Bedingungen eine Spitzenleistung von 400 kW erreichen. Bei unserem Test haben wir das ausprobiert – tatsächlich sind diese 400 kW erreichbar.
Dafür muss man natürlich einen geeigneten Schnelllader finden. Zudem spielen die Akkutemperatur, der Ladezustand sowie die Umstände eine entscheidende Rolle für die endgültige Ladeleistung. Laut BMW kann der i3 unter idealen Bedingungen in zehn Minuten eine WLTP-Aktionsreichweite von 423 Kilometern erreichen. Das bedeutet nicht, dass man in jeder Situation tatsächlich so viele praktische Kilometer hinzugewinnt, zeigt aber, wie schnell das heutzutage möglich ist.
Auch das Laden zu Hause verdient Aufmerksamkeit. Standardmäßig verfügt der i3 über einen 11 kW starken Bordlader, doch optional ist ein 22 kW starkes Wechselstromladen möglich. Bei einem so großen Akkupaket würden wir diese Option auf jeden Fall in Betracht ziehen. Allerdings macht ein 22 kW starkes Ladepunkt zu Hause nur Sinn, wenn die elektrische Anschlussleitung tatsächlich diese Leistung liefern kann. Für viele Haushalte ist dazu eine Erhöhung der Leistung der Anschlussleitung erforderlich.

Zum Glück fährt der i3 immer noch wie ein BMW
Aber vergessen wir nicht das Wichtigste: das Fahren. Schließlich kauft man kein BMW nur wegen der Kapazität der Akkupackung. Eine angenehme Sitzposition, präzises Lenken und ein Fahrwerk, das den Fahrer beim Fahren einbezieht, gehören genauso dazu.
Diesen Charakter hat BMW im neuen i3 größtenteils beibehalten. Schon beim Einsteigen fällt etwas auf: Man sitzt weniger tief als in einem traditionellen BMW 3er Serie. Der Boden liegt aufgrund des Akkupacks relativ hoch, wodurch der Abstand zwischen Sitz und Boden anders ist als man es gewohnt ist. In den ersten Kilometern suchten wir sogar nach einer Möglichkeit, den Fahrersitz noch etwas weiter nach unten zu fahren.
Nach ein paar Tagen gewöhnt man sich daran, aber es macht keinen Unterschied, wenn es ganz verschwindet. Auch im Fond merkt man, dass die Elektrotechnik Platz benötigt. Die Füße passen nur schwer unter die Vordersitze, während der Kopf- und Kniebereich für größere Erwachsene nicht besonders geräumig ist. Wer regelmäßig mit der Familie unterwegs ist, wird im iX3 vermutlich einen besseren Reisebegleiter finden. Eine vergleichbare Ausführung davon ist jedoch deutlich teurer.
Lenkgefühl
Das Lenkgefühl lässt sich am besten als leicht, aber präzise beschreiben. Die elektrische Servolenkung liefert genügend Informationen, um mitzubekommen, was unter dem Auto vor sich geht. Das ist angenehm, denn mit 469 PS und 645 Nm mangelt es diesem BMW keineswegs an Leistung. Von Stand aus erreicht man bereits nach 4,7 Sekunden eine Geschwindigkeit von 100 km/h.
Trotzdem war es nicht so sehr die Geschwindigkeit, die bei unserem Test Eindruck machte. Es war vor allem der Komfort. Das Testfahrzeug verfügte weder über adaptive Dämpfer noch über ein ausgeprägt sportliches Fahrwerk. Dennoch schafft BMW ein besonders angenehmes Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Agilität. Unebenheiten werden präzise abgefedert, während das Auto in Kurven überraschend genau reagiert.
Die beiden Elektromotoren sorgen für Allradantrieb und besonders viel Grip. Auch wenn man die Leistung stark beansprucht, bleibt der i3 beherrscht. Man spürt, dass das Fahrwerk mehr aushält, als man auf öffentlichen Straßen normalerweise verlangt. Vergessen Sie die Möglichkeit zum Driften – dafür muss man auf die heckgetriebene Variante warten.


Ein schönes Interieur mit Bedienungsanleitung
Im Innenraum wählt BMW ein auffällig modernes Design. Das breite Panoramic Vision-Display am unteren Rand der Windschutzscheibe ist gut ablesbar und liefert viele Informationen, ohne dass man ständig auf den zentralen Bildschirm schauen muss. Wer die umfangreiche Anzeige störend findet, beispielsweise während einer nächtlichen Fahrt, kann sie ebenfalls einschränken oder vorübergehend deaktivieren.
Das Infotainmentsystem funktioniert reibungslos und die Menüstruktur ist logisch aufgebaut. Dennoch braucht es Zeit, um alle Funktionen und Einstellungen kennenzulernen. Es gibt einfach unglaublich viele Dinge, die bedient und angepasst werden können. In den ersten Tagen mussten wir häufig nach bestimmten Funktionen suchen. Sobald man sich daran gewöhnt hat, funktioniert das System angenehm, aber etwas mehr Einfachheit könnte nicht schaden.
Was den Energieverbrauch angeht, können wir im Moment zufrieden sein. Während unserer kurzen Woche mit dem BMW i3 50 xDrive lag der Durchschnitt bei 18,1 kWh pro 100 Kilometern. Das ist ein hervorragendes Ergebnis für einen Allrad-Sedan mit fast 470 PS. Wenn man diesen Verbrauch in eine nutzbare Akkukapazität umrechnet, kommt man theoretisch auf etwa 600 Kilometer. Es handelt sich dabei nicht um einen gemessenen Reichweiten-Test, gibt aber ein realistischeres Bild davon, was man unter ähnlichen Bedingungen erwarten kann.
Der BMW i3 macht den Umstieg deutlich einfacher
Der neue BMW i3 50 xDrive zeigt, wie weit die Elektroantriebe inzwischen gekommen sind. Mit einer maximalen WLTP-Reichweite von 912 Kilometern und einer Schnellladefunktion von 400 kW werden zwei häufig genannte Einwände gegen das Fahren mit Elektroautos erheblich entkräftet. Noch wichtiger ist vielleicht jedoch, dass der i3 einfach ein überzeugend fahrender BMW ist.
Das Fahrwerk ist komfortabel, ohne weich zu wirken, die Lenkung präzise und es mangelt nie an Leistung. Dagegen stehen eine etwas hohe Sitzposition, begrenzter Platz im Fond sowie ein ziemlich umfangreiches Infotainmentsystem. Wer vor allem Platz sucht, sollte sich besser den iX3 ansehen. Doch wer gerne in einem 3er Serie fährt und den Umstieg auf Elektroautos weiter hinauszögert, hat mit diesem i3 ein besonders überzeugendes Argument erhalten.
Text: Werner Budding, Kamera: Rob Steltman