Momenta ist in einem halben Jahr um 75,9% gewachsen. Der chinesische Anbieter für Autonomie ist kurz davor, das Nullniveau zu erreichen.

Momenta hat nach ihrem Börsengang im Juli in Hongkong die ersten Ergebnisse vorgelegt, und diese sind beeindruckend: Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Einnahmen auf 1,602 Milliarden Yuan, was einem Anstieg von 75,9 Prozent im Jahresvergleich entspricht. Noch interessanter ist die zweite Zahl: Der bereinigte Nettogewinn sank um 96,6–97 Prozent auf etwa 14,1 Millionen Yuan.
Inhaltsverzeichnis
Zeigen
Verbergen
Für den Fahrer klingt dieser Name immer noch exotisch. Für die Branche schon nicht mehr. Momenta ist heute einer der wichtigsten unabhängigen Anbieter von Assistenzsystemen und städtischen NOA-Lösungen in China, und ihre Software wird bereits in über einer Million Fahrzeugen eingesetzt.
Das Geschäft wächst schneller als die Kosten
In der ersten Hälfte des Jahres 2026 erzielte Momenta Einnahmen in Höhe von 1,602 Mrd. Yuan, während die Forschungs- und Entwicklungskosten auf 1,16 Mrd. Yuan stiegen – das entspricht einem Anstieg von 18,6 % im Jahresvergleich. Diese Zahlen sagen mehr aus als ein reiner Umsatzanstieg, denn sie zeigen eine Verbesserung der Betriebskapitalrendite. Das Unternehmen investiert weiterhin viel Bargeld in die Entwicklung, doch dies geschieht nun in einem deutlich größeren Geschäftsmaßstab.
Laut den veröffentlichten Daten lag die Bruttomarge bei 73,2 %, und nach Abzug einiger Kapitalkosten gibt das Unternehmen einen Wert von rund 75 % an. Für ein Unternehmen im Bereich Software und ADAS-Integration ist das ein sehr hoher Wert. Auf dem Papier klingt das gut, man sollte jedoch bedenken, dass es sich um einen Technologieanbieter und nicht um einen Automobilhersteller mit hohen Anlageausgaben handelt.
Auch die Einnahmestruktur ist klar strukturiert. 995 Mio. Yuan stammten aus Dienstleistungen zur technischen Entwicklung, was 62,1 % der Gesamteinnahmen ausmachte. 607 Mio. Yuan entfielen auf Lizenzen und machten 37,9 % der Einnahmen aus.
Auf der nach IFRS berichteten Ebene zeigte das Unternehmen einen gigantischen Nettogewinn von 16,54 Milliarden Yuan. Allerdings geht es hier um Börsenbuchhaltung und nicht um einen Geschäftsrückgang. Der Hauptgrund war ein überbewerteter, nicht-geldlicher Aufwand in Höhe von 16,31 Milliarden Yuan, der mit einer Änderung der Bewertung von Vorzugsaktien und anderen finanziellen Verbindlichkeiten vor und nach dem Börsengang zusammenhing. Nach dem Börsengang wurden die Vorzugsaktien in gewöhnliche Aktien umgewandelt, sodass diese Wirkung keine zukünftigen Bargeldflüsse bedeutet.
Es handelt sich um einen klassischen Fall, in dem eine Schlagzeile über einen „riesigen Verlust“ irreführend wäre. Operativ sieht Momenta heute viel gesünder aus, als das IFRS-Ergebnis vermuten lässt.
Mehr als eine Million Fahrzeuge auf den Straßen und 65 % des städtischen NOA-Marktes
Der Kern der Tätigkeit von Momenta sind Lösungen für Serienfahrzeuge, keine Demo-Systeme. Im ersten Halbjahr stieg die Anzahl der neuen Installationen im Jahresvergleich um 83,7 % auf etwa 321.000 Fahrzeuge. Insgesamt wurden die Systeme des Unternehmens bereits in mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge eingebaut.
Das Unternehmen arbeitet mit 26 Automobilherstellern weltweit zusammen. Zudem sind Projektzulassungen für 219 bis 230 Modelle gesichert, je nach Aktualisierungszeitpunkt, wovon 114 noch nicht in die SOP-Phase, also den Produktionsstart, eingetreten sind. Mit anderen Worten: Die Warteliste für weitere Implementierungen ist lang.
Bis Ende Juni hat Momenta 105 bis 110 Serienmodelle geliefert, und allein im ersten Halbjahr kamen weitere 37 hinzu. Ihre Systeme wurden bereits in mehr als 10 Ländern und Regionen in Asien, Europa, Ozeanien, Lateinamerika und Nordafrika eingesetzt.
Die stärkste Zahl aus Sicht der Marktposition ist eine andere: Das Unternehmen behauptet, einen Marktanteil von 65 Prozent am chinesischen Markt für externe Anbieter von städtischen NOA-Systemen zu haben und dort den ersten Platz einzunehmen. Das ist wichtig – mit einer Einschränkung. Es geht um den Segment der unabhängigen Anbieter und nicht um den gesamten Autonomiemarkt, in dem auch Marken wie Huawei, Xpeng oder BYD eigene Systeme entwickeln.
R7 World Model – die gemeinsame Basis für ADAS, Robotaxi und Lieferfahrzeuge
Im März präsentierte Momenta das R7 World Model, also die neue Generation eines AI-Modells, das als gemeinsame Grundlage für Serienfahrzeuge, Robotaxi, Robofahrzeuge und Robotrucks dienen soll. Es handelt sich um einen ehrgeizigen Plan – doch zumindest steht er hinter einer umfangreichen Datensammlung.
Bis Ende Juni haben die Momenty-Systeme mehr als 13 Milliarden Kilometer an echten Fahrdaten gesammelt. In einer neueren Mitteilung spricht das Unternehmen bereits von 15 Milliarden Kilometern. Dazu kommen mehr als 100 Millionen ausgewählter Clips, die als „Golden Data“ bezeichnet werden. In der Welt der Autonomie ist das Umfang der Daten wichtig, obwohl die Anzahl der Kilometer allein noch nichts garantiert. Entscheidend ist, wie die Daten beschrieben sind und wie sie sich auf das Verhalten des Autos in schwierigen Situationen auswirken.
Die Einführung von R7 in Serienfahrzeuge soll im dritten Quartal 2026 beginnen. Danach soll das Modell auch in Robotern für Lieferungen, Robotaxi und Robotlastwagen eingesetzt werden. Wenn das gelingt, erhält Momenta etwas, wonach heute die Hälfte der Branche sucht: eine Softwarearchitektur für mehrere kommerzielle Anwendungen.
L3 im Jahr 2027 – aber mit Einschränkungen
Momenta arbeitet bereits nicht nur an L2-Systemen und städtischen NOA-Lösungen. Das Unternehmen entwickelt auch L3-Funktionen, wobei das erste Startmodell der SAIC Audi AUDI E7X sein soll. Weitere Fahrzeuge von Partnern sind in Vorbereitung, und die Serienproduktion ist für das Jahr 2027 geplant.
Hier muss jedoch ein kleiner Stern gesetzt werden. L3 umfasst nicht nur Software und Sensoren, sondern auch Homologation, rechtliche Verantwortung sowie Zustimmungen der Aufsichtsbehörden. Solange das System nicht in den regulären Verkauf mit voller Funktionsausstattung gelangt, handelt es sich eher um eine Ankündigung als um ein fertiges Produkt.
Das ändert nichts daran, dass Momenta nun eine höhere Ebene erreicht. Wenn der chinesische Anbieter L3 für globale Marken fertigstellt, wird seine Position in der Lieferkette erheblich gestärkt.
Robotaxis und Robofahrzeuge werden zu einem festen Bestandteil
Die zweite Front sind autonome Dienste jenseits herkömmlicher Personenkraftwagen. Das Robotaxi Momenta ist bereits in sechs Städten weltweit im Einsatz, und der Plan sieht vor, bis Ende 2026 in mehr als 10 Städte einzudringen. Das Unternehmen möchte bis dahin Hunderte von Robotaxis in China und im Ausland auf den Straßen haben sowie die entsprechenden Betriebslizenzen erlangen.
Es verfügt über starke Partner: Uber, Grab, Lumo sowie die der SAIC gehörende Mobilitätsplattform EnjoyGo. Das ist wichtig, denn allein die Software reicht nicht aus. Man benötigt außerdem eine Flotte, einen Betreiber, eine App sowie die Genehmigung der Stadt.
Auch der deutsche Weg ist interessant. Im Sommer 2026 erhielt Momenta die Genehmigung, Robotaxis der Klasse L4 auf den städtischen Straßen in Deutschland zu testen. Dies ist der erste Fall einer chinesischen Firma auf einem so großen Gebiet in diesem Land. Die Tests stellen zwar keinen kommerziellen Dienst dar, zeigen aber, dass die Expansion nach Europa nicht nur auf einer Investorenpräsentation beruht.
Robovan ist ein im Medienbereich weniger bekannter, aber potenziell sehr praktischer Geschäftszweig. Das Unternehmen führt ein Pilotprojekt in Xiangcheng bei Suzhou durch und arbeitet dabei mit großen Kurier- und Logistikunternehmen zusammen. Laut Zeitplan soll das erste serienmäßige Modell von Robovan noch in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 in größerem Umfang auf den Markt kommen.
Es handelt sich dabei genau um einen Bereich, in dem die Autonomie schneller zum Standard werden kann als bei Taxis. Die Routen sind wiederholbarer, die Betriebsabläufe weniger chaotisch, und die Kosten für Fahrer in der Logistik spielen eine große Rolle.
Bargeld nach dem Börsengang und die Frage, ob Momenta über China hinausgehen wird
Ende Juni verfügte Momenta über 10,3 Milliarden Yuan an Bargeld, hatte keine Zinsverschuldung und etwa 780 Millionen Yuan an ungenutzten Banklinien. Nach dem Börsengang in Hongkong am 8. Juli, bei dem das Unternehmen etwa 6,8 Milliarden HKD einsammelte, überstiegen die Bargeldreserven 15 Milliarden Yuan.
Das gibt dem Unternehmen Zeit. Und in der Autonomie ist Zeit eine genauso wichtige Währung wie Daten. Vor allem, wenn 79,1 % der Belegschaft aus Forschungs- und Entwicklungsmitarbeitern bestehen und die Ausgaben für Forschung 72,6–73 % der Einnahmen verschlingen.
Für den europäischen Fahrer lautet die wichtigste Frage heute nicht mehr „Ist Momenta groß?“, sondern „In welchem Auto bekomme ich das?“ Wenn das Unternehmen tatsächlich bereits Implementierungen in Europa hat und Projekte mit globalen Marken entwickelt, könnte seine Software auch in Autos auftauchen, die auf unserem Markt breiter verkauft werden. Allerdings wird der Markenauftritt voraussichtlich anders aussehen. Der Fahrer kauft oft ein Audi, ein SAIC oder ein Modell einer bestimmten Marke – und nicht „Autonomie von Momenta“.
Chinesische Software für autonomes Fahren ist nicht länger nur eine lokale Besonderheit, sondern kämpft um einen Platz in den globalen Automarken. Welcher Szenario erscheint Ihnen realistischer: Momenta als stiller Lieferant für bekannte Marken oder ein eigenständiger, weithin bekannter Player im Bereich Robotaxi?