MG IM6-Test: So haben wir MG noch nicht kennengelernt

Der MG IM6 zeigt eine Seite von MG, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Mit maximal 751 PS, Allradantrieb, Luftfederung und einer Leistung von fast 400 kW zielt dieser fast fünf Meter lange Elektro-SUV eindeutig höher als die MG-Modelle, die wir bisher kannten.
IM soll MG auf ein höheres Niveau heben
Wer bei MG immer noch an kleine britische Roadster denkt, die bereits beim Anblick Öl verloren, hat einige Kapitel übersehen. Die Marke gehört bereits seit Jahren zum chinesischen SAIC Motor und entwickelt derzeit hauptsächlich Autos, mit denen sie in Europa erfolgreich Fuß fassen kann. Mit dem MG IM6 wird nun ein völlig neues Kapitel hinzugefügt.
Für diesen MG IM6-Test fahren wir einen Tag durch die Jura, das gebirgige Gebiet westlich des Genfer Sees. In dieser Gegend muss schnell klar werden, ob dieser große SUV mehr kann als nur beeindruckende Zahlen auf dem Papier zu liefern.
IM steht für Intelligence in Motion. In China ist IM Motors eine eigenständige Marke, an der unter anderem SAIC beteiligt ist, doch in Europa bringt MG die Modelle unter seiner eigenen Marke auf den Markt. Der IM6 soll dabei deutlich über den bekannten MG-Modellen positioniert werden. Er ist fast 4,9 Meter lang, breit und tief gebaut und wirkt deutlich edler als das, was wir bisher von MG gewohnt sind. Aus einigen Blickwinkeln erinnert er sogar etwas an einen Aston Martin DBX.


Viel Bildschirm, sehr wenige Knöpfe
Auch im Innenraum ist deutlich, dass MG mit dem IM6 höhere Ansprüche hat. Das Armaturenbrett wird von einem riesigen 26,3-Zoll-Breitbildschirm dominiert, ergänzt durch einen weiteren Touchscreen in der Mittelkonsole. Die Verarbeitung ist auf hohem Niveau, und auch die verwendeten Materialien machen einen exzellenten Eindruck.
Die Sitze sind recht weich und wirken, als wären sie etwas nach vorne geneigt, doch die Einstellmöglichkeiten sind umfangreich. Zudem reagiert das Infotainmentsystem äußerst schnell – was praktisch ist, da fast alles über den Bildschirm bedient wird.
Das ist bereits einer der schwächeren Punkte des IM6. Selbst für etwas Einfaches wie die Einstellung der Außenspiegel muss man durch verschiedene Menüs navigieren. Technisch ist er beeindruckend, doch die Benutzerfreundlichkeit ist eine andere Sache. Manchmal ist ein einfacher Knopf einfach die bessere Erfindung.





MG IM6 Test: 751 PS sind eigentlich völlig absurd
Dann stellt sich bei 751 PS unweigerlich die Frage: Wie fährt das?
Natürlich extrem schnell. Der MG IM6 Performance verfügt über zwei Elektromotoren, Allradantrieb sowie eine Systemleistung von 553 kW, das entspricht 751 PS. Hinzu kommt ein Drehmoment von 802 Nm. Damit schafft dieser SUV mit mehr als 2,3 Tonnen Gewicht in 3,5 Sekunden eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h. Das klingt spektakulär – und das ist es auch. Doch wie bei vielen besonders leistungsstarken Elektroautos fragt man sich, wie viel Spaß man nach den ersten Sprüngen noch daran hat. Die Beschleunigung ist vor allem sehr heftig: leise, gnadenlos und so kraftvoll, dass der Körper kaum Zeit hat, sich darauf vorzubereiten.
Interessanter ist, was der IM6 tut, sobald die Straße anfängt zu kurven. Die Hinterräder können bis zu 12 Grad mitgedreht werden. Dadurch beträgt der Wendekreis nur 10,18 Meter, wodurch dieser fast fünf Meter lange SUV bei niedriger Geschwindigkeit viel kleiner wirkt, als er tatsächlich ist.
Auch in Kurven hilft die Hinterradansteuerung. Der IM6 lenkt erstaunlich leicht nach innen. Allerdings erhält man dabei nicht viel Feedback. Insbesondere im Sportmodus wird das Lenkrad aus der Normalposition besonders schwer, ohne dass man dadurch besser mitbekommt, was die Vorderräder genau tun. Das Ergebnis erinnert manchmal eher an einen sehr guten Simulator als an ein Auto, das ständig mit dem Fahrer kommuniziert.
Federung macht einen riesigen Unterschied
Technisch gesehen hat MG offensichtlich viel Arbeit in den IM6 investiert. Die Version mit Luftfederung ist gut ausbalanciert und versteckt das erhebliche Gewicht ziemlich gut. Der hintere Antriebsstrang ist nicht immer völlig geräuschlos, doch die Kombination aus Komfort und Kontrolle ist überzeugend.
Den Unterschied merkt man besonders, wenn man anschließend mit der Version auf herkömmlichen Stahlfedern fährt. Diese hat es aufgrund der Fahrzeugmasse deutlich schwerer. Wenn man einen Bordstein etwas zu energisch überfährt, merkt man, dass Federn und Dämpfer intensiv arbeiten müssen. Die Karosserie bewegt sich stärker, und die Dämpfung benötigt in solchen Fällen etwas mehr Kontrolle.
Deshalb passt die Luftfederung eigentlich besser zum Charakter des IM6. Es handelt sich dabei nicht um ein leichtes Sportauto, und das wird es auch mit 751 PS niemals werden. Geben Sie einem so schweren elektrischen SUV eine Fahrwerksanlage, die Ruhe bietet – dann passt das Gesamtbild einfach besser zusammen.
Näherungsweise 400 kW Laden ist das wahre Kunststück
Auch wenn 751 PS beeindruckend klingen, ist die Ladeleistung technisch gesehen vielleicht noch interessanter. Die Versionen mit dem 100-kWh-Akku nutzen eine 800-Volt-Architektur und können unter idealen Bedingungen mit bis zu 396 kW DC geladen werden. Laut MG kann der Akku so in etwa 17 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufgeladen werden.
Dies sind Zahlen, die den IM6 plötzlich für lange Strecken besonders interessant machen. Der Long Range mit einem 100 kWh großen Akkupaket erreicht maximal 555 Kilometer nach WLTP, während der viel leistungsstärkere Performance aufgrund seiner Allradantriebstechnik und enormen Leistungswerte 505 Kilometer schafft.
Ebenfalls erhältlich ist der günstigere Standard Range mit einem 75 kWh großen LFP-Akkupaket. Er entwickelt 295 PS, erreicht laut WLTP 450 Kilometer Reichweite und kann mit einer maximalen Ladeleistung von 153 kW aufgeladen werden. Mit einem Einstiegspreis von etwa 51.800 Euro ist er der günstigste IM6. Die Ausstattungsvarianten mit dem größeren 100 kWh Akkupaket sind teurer.
Der niedrigere und aerodynamischere IM5 kostet in den Niederlanden rund 48.800 Euro. Damit setzt MG beide Modelle recht konkurrenzfähig auf den Markt.
MG zeigt, was technisch möglich ist
Der IM6 ist also nicht einfach nur ein größerer und stärkerer MG. Er zeigt vor allem, wie schnell die Marke technologisch vorangekommen ist. Allradantrieb, ein 800-Volt-System, eine Ladeleistung von fast 400 kW, Luftfederung und 751 PS – das sind keine Werte, die man vor ein paar Jahren schnell mit MG in Verbindung gebracht hätte.
Nicht alles überzeugt. Die Bedienung per Bildschirm geht manchmal zu weit und das Lenkgefühl bleibt distanziert. Auch fährt die Version mit Luftfederung deutlich besser als die Ausführung mit Stahlfedern. Doch das nimmt nicht weg, dass der MG IM6 ein bemerkenswert vollausgestattetes Elektro-SUV ist. Mit dem IM6 versucht MG einen großen Schritt nach vorn zu machen. Nach einem Tag im Jura können wir zumindest feststellen, dass diese Ambition nicht nur auf dem Papier existiert.
Text: Werner Budding