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Politik

Mercedes-Benz gibt Ladeparks in Europa auf – Electra übernimmt

Mercedes-Benz gibt Ladeparks in Europa auf – Electra übernimmt

Mercedes-Benz übergibt sein HPC-Netzwerk in Europa an den französischen Ladeanbieter Electra. Dadurch wechseln 47 Standorte mit 374 Schnellladepunkten den Besitzer. Eigentlich hatte Mercedes noch vor einem Jahr den Ausbau seines europäischen Schnellladenetzwerks verkündet. Stattdessen können Mercedes-Kunden nun vergünstigt bei Electra laden.

Die Schnellladestationen von Mercedes-Benz wechseln zu Electra.

Bilder: Mercedes-Benz, Electra / Collage: electrive

Die Transaktion ist Teil einer neuen Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen. Electra integriert die bisherigen Mercedes-Benz-Ladeparks in Europa in sein Schnellladenetzwerk. Gleichzeitig erhalten Kunden von Mercedes-Benz über den Ladedienst MB.CHARGE Public unter der Überschrift „Premium-Partner“ vergünstigte Roaming-Konditionen an mehr als 800 Electra-Standorten mit insgesamt über 5.000 Ladepunkten in zehn europäischen Ländern. Der einzige weitere Premium-Partner in dem Ladedienst von Mercedes ist aktuell das Schnellladenetzwerk Ionity, an dem Mercedes bekanntlich beteiligt ist. Die Zusammenarbeit tritt sofort in Kraft.

Von den 47 übernommenen Ladeparks befinden sich 31 in Deutschland und sechs in Österreich. Die übrigen Standorte verteilen sich auf weitere europäische Märkte. Für Electra ist die Übernahme ein wichtiger Wachstumsschritt: In Deutschland, wo das französische Unternehmen erst im Mai 2025 gestartet ist, wächst das Netzwerk nach Unternehmensangaben von bislang 50 auf 81 Ladeparks. Das entspricht einem Zuwachs von mehr als 60 Prozent.

Mercedes-Benz wechselt vom eigenen Ladenetzwerk zur Partnerschaft

Dass Mercedes-Benz seine europäischen Schnellladeparks abgibt, ist durchaus bemerkenswert. Denn der Konzern hatte mit dem 2023 gestarteten Mercedes-Benz Charging Network ursprünglich deutlich größere Pläne. Noch vor einem Jahr hieß es, das Netzwerk wachse kontinuierlich und solle innerhalb eines Jahres neben den bisherigen Märkten in Deutschland, den USA und China auf bis zu acht weitere Länder ausgerollt werden.

Bis Ende des Jahrzehnts wollte Mercedes-Benz weltweit mehr als 10.000 Schnellladepunkte betreiben. Im September 2025 waren 80 Ladeparks weltweit in Betrieb. Zudem kündigte der Autobauer eine neue Generation seiner Ladeinfrastruktur an: Ab 2026 sollte das HYC1000-Ladesystem des Südtiroler Herstellers Alpitronic an neuen Mercedes-Benz-Ladeparks in Europa und Nordamerika installiert werden. Damit wollte Mercedes in seinem HPC-Netzwerk Ladeleistungen ermöglichen, die neue Maßstäbe setzen sollten. Immerhin: In Hamburg-Wandsbek sowie am 24-Autohof in Wörrstadt sind mittlerweile tatsächlich die ersten HYC1000-Ladesysteme im HPC-Netzwerk von Mercedes-Benz installiert worden, die nun entsprechend ins Electra-Netzwerk integriert werden.

Image 2: Mercedes benz glc eq alpitronic hyc

Zumindest in Europa wird Mercedes-Benz diese Strategie nun nicht mehr selbst weiterverfolgen. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat der Vorstand der Mercedes-Benz Group AG bereits im Juli 2026 beschlossen, das unternehmenseigene Schnellladenetzwerk in Europa zu veräußern. Das geht aus dem neuen Quartalsbericht von Mercedes-Benz hervor. Der Kaufvertrag wurde demnach bereits am 3. August unterzeichnet, doch die Partner haben seitdem stillgehalten.

Zwar nennen Electra und Mercedes-Benz keinen konkreten Kaufpreis. Doch aus dem Quartalsbericht von Mercedes geht hervor, dass das nun verkaufte Schnellladenetzwerk in Europa zuletzt mit 99 Millionen Euro bewertet war, darunter Sachanlagen in Höhe von 73 Millionen Euro. Dem stehen Schulden von 21 Millionen Euro gegenüber.

Electra baut durch die Übernahme sein Geschäft aus

Für Electra ist der Deal ein wichtiger Schritt beim Ausbau der eigenen Marktposition. Das Unternehmen verfolgt bislang eine Mischung aus organischem Wachstum und gezielten Übernahmen. „Wir werden auch weiter organisch wachsen, das ist ein Teil der Strategie, aber wir schauen natürlich auch, was auf dem Markt an interessanten Ladenetzwerken unterwegs ist“, sagte dazu Paul Tonini, General Manager Deutschland bei Electra, im direkten Gespräch mit electrive. Das Unternehmen habe zuletzt bereits den Ladepark von HomE of Mobility in Wertheim übernommen.

Die Übernahme der Schnellladeparks von Mercedes-Benz ist allerdings eine andere Größenordnung. Electra erhält nicht nur zusätzliche Ladepunkte, sondern kann damit auch seine Präsenz an wichtigen Standorten in Deutschland und Europa stärken. „Wir werden sehen, dass der Markt sich immer mehr auf größere Anbieter zusammenfassen lässt“, so Electra-Deutschlandchef Tonini über die Konsolidierung der Branche.

Image 3: Ladepark von Electra in Madrid

Der Electra-Manager sieht dabei vor allem wirtschaftliche Gründe als Ursache. Betreiber von Schnellladenetzen hätten im laufenden Betrieb erhebliche Herausforderungen. Diese ließen sich nur lösen, wenn ein Unternehmen eine ausreichende Größe erreiche. „Die Kosten wären sonst einfach zu hoch für das, was ich damit an Erträgen erwirtschaften kann“, erklärte Tonini.

Mercedes-Kunden behalten ihren Premium-Zugang

Für Mercedes-Benz-Kunden soll sich durch den Betreiberwechsel möglichst wenig ändern. Das gewohnte Ladeerlebnis an den bisherigen Standorten bleibt erhalten. Gleichzeitig wird das Angebot deutlich erweitert: Die Vorzugskonditionen und Funktionen wie die Reservierung von Ladepunkten, die bisher auf die eigenen Mercedes-Benz-Ladeparks beschränkt waren, stehen künftig auch an den Electra-Standorten zur Verfügung. Die Electra-Stationen lassen sich über das Mercedes-Benz-Ladeökosystem im Fahrzeug oder über die Mercedes-Benz-App finden und nutzen.

Mercedes-Benz stellt bei der Partnerschaft vor allem den Kundennutzen in den Vordergrund: „Elektromobilität bedeutet mehr als nur das Fahrzeug. Unser Anspruch bei Mercedes-Benz ist es, unseren Kundinnen und Kunden unabhängig von der Antriebsart ein nahtloses und außergewöhnliches Kundenerlebnis zu bieten“, erklärte Nico Dettmer, Globaler Leiter Mercedes-Benz Ladelösungen. Gemeinsam mit Electra wolle man das Schnellladen in Europa „noch zugänglicher und komfortabler“ machen.

Image 4: Mercedes benz charging hub ladestation charging station mannheim min

Dettmer bezeichnete die Kooperation zudem als Erweiterung des Premium-Partnernetzwerks, zudem bislang nur Ionity zählte, um mehr als 800 Standorte. Damit unterstreicht Mercedes-Benz die neue Ausrichtung: Nicht mehr der eigene Betrieb möglichst vieler Ladeparks steht im Mittelpunkt, sondern der Zugang zu einem möglichst großen Netzwerk über Partner mit vergünstigten Roamingpreisen für die Kunden.

Technische Umstellung bereits erfolgt

Die technische und organisatorische Umstellung soll sehr schnell und weitgehend ohne Unterbrechungen erfolgen. Das ist dadurch möglich, weil der Deal selbst bereits über die Bühne ist. Am Wochenende hat Electra bereits die bisherigen Mercedes-Benz-Ladestationen in sein Backend migriert und einen Hinweis auf die Screens der Ladestationen aufgespielt, dass diese nun zu Electra gehören. Und auch in diversen Lade-Apps tauchen die bisherigen Mercedes-Ladeparks bereits als Electra-Ladepunkte auf. In den nächsten Tagen werden zudem die Payment-Terminals für Ad-Hoc-Zahlungen ausgetauscht. Und natürlich werden die Ladesäulen auch zügig optisch umgeflaggt und erhalten eine Electra-Folierung. Die markanten Mercedes-Benz-Sterne an den Ladestationen verschwinden entsprechend.

Mitarbeiter sind von der Übernahme übrigens nicht betroffen, es geht nur um die Ladestandorte selbst und den Kundenzugang. „Es ist kein Personal involviert“, stellte Tonini klar. Über die Laufzeit der Premium-Partnerschaft konnte er noch keine Angaben machen.

Electra will sein Wachstum unterdessen fortsetzen. Allein in Deutschland plant das Unternehmen für das kommende Jahr Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro. Europaweit betreibt Electra nach eigenen Angaben bereits mehr als 800 Ladeparks mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern. Bis 2030 soll das Netzwerk auf 15.000 Schnellladepunkte wachsen.

Strategische Kehrtwende für Mercedes-Benz

Für Mercedes-Benz bedeutet der Deal hingegen eine strategische Kehrtwende. Der Konzern verabschiedet sich in Europa vom Anspruch, eigene Schnellladeparks in großem Maßstab zu betreiben. Das ursprünglich als globales Wachstumsprojekt angekündigte Mercedes-Benz Charging Network wird damit zumindest auf dem europäischen Kontinent nicht in der ursprünglich geplanten Form weitergeführt, während es die eigenen Schnellladestationen zumindest vorerst noch weiter in China und den USA gibt. Statt selbst weiter Ladeinfrastruktur auszubauen, überlasst Mercedes-Benz das Feld in Europa seiner Beteiligung Ionity und deren Wettbewerbern. Doch auch in den anderen Märkten wäre es keine Überraschung, wenn die Strategie angepasst werden würde. Der Autohersteller steht unter Druck. Und kostenintensives Hardware-Geschäft mit einem eigenen Ladenetz gehört nicht zum Kerngeschäft.