Lancia Ypsilon HF-Rezension: völlig unpraktisch, aber was für ein wunderbarer Wagen

Schnell wie das Blut, scharf wie ein Messer und blendend schön – doch zugleich unglaublich hart. Der Lancia Ypsilon HF ist ein elektrischer Hot Hatch, der kaum Kompromisse bei dem Komfort eingeht. Nach einer längeren Bekanntschaft sind wir von seinen sportlichen Qualitäten noch mehr beeindruckt. Doch als Alltagsauto ist dieser eigenwillige Italiener kaum zu ertragen.
Eine zweite Begegnung mit dem Lancia Ypsilon HF
Manche Autos werden mit der Zeit immer attraktiver, bei anderen entdeckt man hingegen immer mehr Mängel. In dieser Lancia Ypsilon HF-Rezension kommen beide Aspekte deutlich zum Vorschein. Er verführt uns mit seinen beeindruckenden Leistungen und seinem hervorragenden Fahrverhalten immer wieder, kann uns aber bereits nach ein paar Kilometern genauso leicht in Verzweiflung stürzen. Das macht ihn zu einem der kontrastreichsten elektrischen Hot Hatches derzeit.
Bei der Einführung haben wir den Ypsilon HF bereits auf der italienischen Teststrecke in Balocco gefahren. Bei unserem ersten Test waren wir sehr begeistert von der Geschwindigkeit, der enormen Traktion und dem präzisen Fahrverhalten. Doch eine Rennstrecke ist etwas anderes als die niederländischen öffentlichen Straßen mit ihren eingebrochenen Schotterstraßen, unebenem Asphalt und einer Fülle an Verkehrsbarrieren. Deshalb fahren wir jetzt etwas länger mit dem HF, erneut in der wunderschönen Farbe Arancio Lava, mit ihrem mindestens ebenso ausgeprägten blauen Innenraum.



Italienische Schönheit in Arancio Lava
Die Ypsilon HF ist ein wunderschönes Fahrzeug. Insbesondere in der warmen, fast feurigen Farbe Arancio Lava, die die Kurven der Karosserie wunderbar hervorhebt. Die breiten Schultern, die muskulösen Radhäuser sowie die tief über dem Asphalt liegende Karosserie verleihen ihr ein verführerisches Aussehen. Gleichzeitig hat die Ypsilon etwas Edles, etwas Unverkennbar Italienisches. Die runden Rücklichter verweisen subtil auf den legendären Stratos, während die schlanke Lichtanlage an der Front ihr ein ganz eigenes Gesicht verleiht.
Was besonders beeindruckt, ist, dass Lancia der Versuchung widerstanden hat, aus dem HF ein auffälliges Sportauto zu machen. Die 18-Zoll-Räder, die erweiterte Spurweite sowie dezente aerodynamische Elemente verleihen ihm genau die richtige Menge an Charakter. Er wirkt muskulös, ohne grob zu wirken, elegant, ohne brav zu sein. Aus einigen Blickwinkeln ist er geradezu atemberaubend.
Das blaue Interieur vervollständigt das außergewöhnliche Erscheinungsbild. Die schönen Sportsitze bieten hervorragende Seitenunterstützung, und die auffällige Farbkombination erinnert an die Pracht früherer italienischer Sportautos. Nicht alle Kunststoffe sind gleich schön, und verschiedene Schalter sind uns aus anderen Stellantis-Modellen bekannt, doch an Persönlichkeit mangelt es dem Ypsilon keineswegs.
High Fidelity: eine glorreiche Vergangenheit
Die Buchstaben HF stehen für High Fidelity, also hohe Auflösung. Der Begriff entstand in den sechziger Jahren in den Reihen der treuen Lancia-Enthusiasten und entwickelte sich zum Erkennungszeichen der sportlichsten Modelle der Marke. Zusammen mit dem berühmten roten Elefanten wurde HF untrennbar mit der Blütezeit von Lancia im Rallyesport verbunden.
Der Stratos, der Rally 037 und der Delta HF Integrale gehören zu den legendärsten Rallyefahrzeugen, die je gebaut wurden. Der neue Ypsilon hat technisch gesehen nur wenig Gemeinsamkeiten mit diesen Ikonen. Er teilt schließlich seine Basis unter anderem mit dem Alfa Romeo Junior Veloce, dem Peugeot e-208 Gti und dem Abarth 600e. Doch wichtiger als seine Abstammung ist die Frage, ob dieses kleine Lancia das Temperament besitzt, das man von einem HF erwarten darf. Und darauf können wir mittlerweile eindeutig mit Ja antworten.

280 PS an den Vorderrädern – und es funktioniert erstaunlich gut
Durch 280 PS und 345 Nm Drehmoment zählt der Ypsilon HF zu den leistungsstärksten kompakten Elektro-Hatchbacks. Die volle Leistung wird auf die Vorderräder geleitet, doch dank eines besonders effektiven mechanischen Torsen-Sperre-Differenzials schafft es das Fahrzeug, diese Kraft erstaunlich gut auf die Straße zu übertragen.
Vor allem beim Ausbremsen aus Kurven wird deutlich, wie hervorragend Antriebsstrang und Fahrwerk zusammenarbeiten. Das Vorderrad bietet eine beeindruckende Griffigkeit und scheint das Auto aus der Kurve zu ziehen. Ein Untersteuern bleibt auffallend lange aus, während das Lenken fest und präzise wirkt. Die Karosserie neigt sich kaum über, und jede Lenkbewegung wird ohne Zögern beantwortet.
Der Sprint auf 100 km/h dauert lediglich 5,6 Sekunden. Auch bei Zwischensprints reagiert der Elektromotor besonders schnell. Doch es ist nicht gerade diese Geradstreckengeschwindigkeit, die den Ypsilon HF so attraktiv macht. Viele Elektroautos sind heutzutage äußerst schnell. Die Kunst besteht darin, diese Geschwindigkeit auch in Kurven in Fahrspaß umzuwandeln. Und in diesem Punkt hat dieses Lancia außergewöhnlich gut abgeschnitten.
Mit seinen Michelin Pilot Sport Cup 2-Reifen, präzise abgestimmtem Fahrwerk und mechanischem Sperrdifferenzial ist der HF ein echtes Liebhaberauto. Er wirkt wachsam, eifrig und fast ungeduldig – ein Auto, das einen ständig dazu einlädt, noch ein paar zusätzliche Kurven zu fahren. Die Art von Fahrspaß, wofür wir früher so gerne in kompakten GTIs gestiegen sind.
Ein Fahrwerk ohne jegliches Mitleid
Die Kehrseite all dieser sportlichen Eigenschaften zeigt sich, sobald die Straßenbedingungen schlechter werden. Denn der Ypsilon HF verfügt nicht nur über eine starke Federung – er ist tatsächlich äußerst hart abgestimmt.
Vor allem in Wohnvierteln, in denen sich Straßenbahnschwellen und Pflasterstraßen abwechseln, wird deutlich, wie wenig Kompromisse Lancia beim Komfort eingegangen ist. Jede Schwellen muss vorsichtig überwunden werden. Selbst dann müssen die Insassen einen heftigen Stoß ertragen. Kleine Unebenheiten werden kaum abgefedert, und auf schlecht instand gehaltenen Straßen ist die Ruhe im Innenraum manchmal kaum zu finden.
Ein sportlicher Hot Hatch muss natürlich kein komfortabler Reisewagen sein. Eine feste Fahrwerksabstimmung gehört zum Charakter. Doch es gibt einen Unterschied zwischen sportlich und übermäßig hart – und unserer Ansicht nach ist Lancia hier ziemlich über das Ziel hinausgeschossen. Wir fragen uns sogar, ob etwas mehr Federkomfort tatsächlich auf die hervorragende Straßenlage hätte verzichten müssen.
Das Problem ist, dass es sich nicht um eine Eigenschaft handelt, an die man sich nach ein paar Tagen vollständig gewöhnt. Im Gegenteil: Je länger wir mit dem HF fahren, desto deutlicher zeigt sich das Mangel an Komfort. Derselbe Wagen, der uns auf einer schönen Landstraße so viel Freude bereitet, kann bei einer alltäglichen Fahrt ziemlich störend wirken.



Die Reichweite passt nicht zu seinem Temperament
Auch der Akkupack stellt eine Einschränkung dar. Mit 54 kWh Bruttokapazität und etwa 51 kWh nutzbare Kapazität ist die Energieversorgung für ein Auto mit so ausgeprägten sportlichen Ambitionen ziemlich bescheiden. Lancia gibt eine WLTP-Reichweite von rund 370 Kilometern an, doch diese ist kaum erreichbar, sobald man seine sportlichen Eigenschaften ausschöpft.
Der Ypsilon HF lädt ständig dazu ein, kräftig zu beschleunigen und ein höheres Tempo anzustreben. Das führt zu einem hohen Stromverbrauch. Während einer unserer Fahrten verzeichneten wir seit dem Start ganze 25,2 kWh/100 km. Das ist zwar nur ein Momentaufnahme, aber dennoch aussagekräftig. Bei einem gemäßigteren Fahrstil ist eine praktische Reichweite von etwa 250 Kilometern realistisch, doch beim sportlichen Fahren kann sie erheblich geringer ausfallen.
Dazu kommt die bescheidene maximale Ladeleistung von 100 kW. Das Aufladen von 20 auf 80 Prozent dauert unter günstigen Bedingungen etwa eine halbe Stunde. Dadurch ist der Ypsilon HF keineswegs ein idealer Reisewagen. Seine begrenzte Reichweite und die relativ langen Ladepausen stehen in scharfem Kontrast zu seinen Leistungen.
Als zweites Auto für die schönen Tage ist das noch in Ordnung. Doch wer es täglich nutzt und regelmäßig längere Strecken fährt, wird sich über diese Einschränkungen ärgern.
Völlig unpraktisch, aber unwiderstehlich
Nach einer längeren Einarbeitungsphase sind wir eigentlich noch begeisterter von den sportlichen Qualitäten der Lancia Ypsilon HF als während der ersten Fahrt in Balocco. Gleichzeitig sind wir deutlich kritischer geworden, was ihre Eignung für den täglichen Gebrauch angeht. Das gnadenlose Fahrwerk, der relativ hohe Stromverbrauch sowie die begrenzte Reichweite machen diesen kleinen Italiener ziemlich anspruchsvoll.
Als einziges Auto könnten wir es daher nur schwer empfehlen. Wer den italienischen Charme schätzt, aber seinen Rücken lieber unversehrt halten möchte, sollte lieber zum regulären Ypsilon Electric greifen. Dieser ist deutlich komfortabler und schafft ohne große Anstrengung 390 Kilometer pro Akkuladung. Für Liebhaber von ausgesprochenen elektrischen Hot Hatches ist der HF mit seinem Einstiegspreis von 40.950 Euro jedoch besonders attraktiv. Er ist sogar günstiger als der schwächere Alpine A290 mit 220 PS sowie der deutlich teurere CUPRA Born VZ mit 326 PS.
Denn in diesem Lancia steckt etwas Unwiderstehliches. Seine Geschwindigkeit, die fantastische Traktion und sein temperamentvolles Wesen machen jede schöne Kurve zu einem kleinen Fest. Und dann ist da noch dieses wunderschöne Erscheinungsbild, das auch nach Wochen weiterhin unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Dort steht er wieder, nach einer Fahrt, bei der wir uns mehrmals über das extrem harte Fahrwerk geärgert haben. Diese wunderschöne, niedrige Karosserie in Arancio Lava, die muskulösen Radhäuser, das eigenwillige Liniendesign. Man schaut noch einmal zurück, bevor man weggeht. Und trotz aller Kritik weiß man, dass man morgen gerne wieder einsteigen möchte. Nicht, weil man muss, sondern einfach, weil man Lust hat, mit ihm zu fahren.
Text: Marc Verweij