Großbritannien startet Konsultation zu E-Auto-Verkaufspflicht

Die britische Regierung hat eine Überprüfung des ZEV-Mandats eingeleitet, um die E-Auto-Verkaufsvorgaben für den Zeitraum 2027 bis 2035 eventuell zu lockern. Im Zuge der Konsultation haben Autohersteller, Branchenakteure und weitere Interessengruppen zwei Monate lang Zeit, offiziell Stellung zu nehmen.
Großbritannien hat sich im Rahmen seines ZEV-Mandats seit 2024 extrem ehrgeizige und sich stetig verschärfende E-Auto-Verkaufsziele verpasst. Doch in der Branche rumort es deshalb schon länger. Die Regierung reagiert nun und hat im Zuge einer größeren Überprüfung der Regelungen noch unter dem vorigen Premierminister Keir Starmer eine Konsultation beschlossen, um die Automobilindustrie und weitere Interessengruppen zu Wort kommen zu lassen. Für den britischen Neu-Premier Andy Burnham ist die Konsultation nun die erste politische Maßnahme in Zusammenhang mit der Autoindustrie.
Und darum geht’s: Die ZEV-Vorgaben wurde 2024 eingeführt – und zwar mit der Vorgabe, dass Hersteller sicherstellen müssen, dass 22 Prozent aller Pkw-Verkäufe auf Elektrofahrzeuge entfallen. Diese Quote stieg 2025 auf 28 Prozent und liegt in diesem Jahr bei 33 Prozent. Das Ziel für das nächste Jahr liegt bei 38 Prozent, dann steigt es steil an auf 52 und 66 Prozent in den Jahren 2028 und 2029 – und auf 80 Prozent im Jahr 2030. Für die Jahre zwischen 2030 und 2035 gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine festgelegten Ziele. 2035 soll aber Stand jetzt de facto ein Verbrenner-Verkaufsverbot gelten.
Im Fokus der bis zum 23. Oktober angesetzten Konsultation stehen die Zieljahre 2027 bis 2035. Gerüchteweise ist die Regierung durchaus gewillt, das ZEV-Mandat in diesem Jahren abzuschwächen: Die „Sunday Times“ berichtete Mitte Juni, dass zur Debatte stehe, die Verkaufsziele für E-Autos auf Druck der Industrie und der Gewerkschaften zu drosseln. Die Vorgabe, dass bis 2030 80 Prozent der Neuwagenverkäufe auf vollelektrische Fahrzeuge entfallen müssen, solle demnach auf 50 Prozent gesenkt werden. Allerdings wurde diese Initiative noch dem inzwischen zurückgetretenen Keir Starmer zugeschrieben.
Britische Medien und Portale berichten unterdessen, dass so gut wie in der gesamten britischen Autobranche die Ansicht herrscht, dass die Vorgaben in ihrer aktuellen Ausprägung schlichtweg nicht realisierbar sind. Diese Position vertritt auch der Autoverband SMMT („Society of Motor Manufacturers and Traders) und argumentiert, dass die Vorschrift zwar das Angebot, nicht aber die Nachfrage erzwingen können, weshalb die Automobilhersteller wiederum dazu gedrängt werden, Milliarden für Rabatte und Co. auszugeben, um die Nachfrage künstlich anzukurbeln. Dies sei kein nachhaltiges Geschäftsmodell, betont Mike Hawes, Chief Executive von SMMT.
Und die realen Absatzzahlen wachsen auch nicht so schnell wie sie laut ZEV-Mandat sollten: Die jüngste SMMT-Statistik zeigt, dass Elektrofahrzeuge in Großbritannien zwar ein Viertel der Gesamtzulassungen ausmachen, es müssten aber ein Drittel sein, damit sich ein gesunder Markt entwickelt.
Die Regierung kommt nun auf die Industrie zu und betont, sie wolle sicherstellen, dass die im ZEV-Mandat festgelegten Ziele für den Anteil von Elektrofahrzeugen am Absatz „wirtschaftsfreundlich und realitätsnah bleiben“. In der Konsultation sollen Hersteller, Zulieferer, Ladestationsbetreiber, Händler und Verbraucher explizit ihre Ansichten dazu beizusteuern, wie der geplante Ausstieg aus reinen Verbrennungsmotoren erreicht werden kann.
Eine Lockerung der Vorgaben gilt in Großbritannien als wahrscheinlich, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Die britische Verkehrsministerin Heidi Alexander hält den britischen Markt für Elektrofahrzeuge für stark: „Die Verkaufszahlen steigen, britische Hersteller und Betreiber von Ladestationen investieren Milliarden, gestützt durch unsere Hilfen in Höhe von 7,5 Milliarden Pfund – einschließlich unseres Elektroauto-Zuschusses, der über 160.000 Menschen beim Umstieg geholfen hat.“ Es sei aber richtig, die Ziele regelmäßig zu überprüfen, so Alexander. Es müsse sichergestellt sein, dass sie realistisch sind und die britische Industrie unterstützen. Und: „Das Endziel ändert sich nicht – aber wir müssen die Wirtschaft auf diesem Weg mitnehmen, und genau das tun wir heute, indem wir sicherstellen, dass die Industrie die Möglichkeit hat, mitzugestalten, wie wir dorthin gelangen.“ Damit betont Alexander zugleich, dass das Verbrenner-Verkaufsaus für 2035 unangetastet bleiben soll.
Die lange angekündigten und nun startenden Konsultationen werden in der Branche unterdessen begrüßt – allen voran von der SMMT: „Wir begrüßen die Konsultation der Regierung zur ZEV-Vorgabe und dazu, wie diese angepasst werden sollte, um den Übergang im Vereinigten Königreich besser zu unterstützen. Die Branche setzt sich weiterhin voll und ganz für eine emissionsfreie Zukunft ein und investiert Milliarden in neue Technologien, Produkte sowie – gemeinsam mit der Regierung – in Anreize für Verbraucher. Die Verordnung wurde jedoch unter ganz anderen Bedingungen konzipiert – bei günstigeren Energiepreisen, rapide sinkenden Produktionskosten und optimistischeren Erwartungen hinsichtlich der weltweiten Nachfrage“, so Mike Hawes in seinem offiziellen Statement.
Aber auch andere Stimmen melden sich zu Wort: Vicky Edmonds, Geschäftsführerin der Organisation Electric Vehicle Association (EVA) England, äußert beispielsweise: „Die Regierung sollte ehrlich untersuchen, warum die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen nicht so schnell gewachsen ist wie erwartet. Die Lösung liegt jedoch nicht darin, die Ambitionen der ZEV-Vorgabe zu senken – die für die Schaffung eines Marktes für Elektrofahrzeuge, die die Menschen kaufen wollen, absolut entscheidend war. Vielmehr müssen die Hindernisse beseitigt werden, die Autofahrer davon abhalten, umzusteigen.“
Und Gurjeet Grewal, CEO von Octopus Electric Vehicles, gehört zu den eher wenigen Befürwortern der aktuellen Vorgaben: „Die ZEV-Vorgabe funktioniert – sie gibt den Herstellern das Vertrauen, zu investieren, und den Fahrern das Vertrauen, umzusteigen. Eine Abschwächung dieser Vorgabe würde genau jetzt das falsche Signal senden, gerade jetzt, wo Elektrofahrzeuge zu den preiswertesten Autos auf den Straßen gehören.“
Im ihrer 2024 eingeführten, originalen Fassung gelten die ZEV-Vorgaben übrigens bereits jetzt schon nicht mehr. Zwischenzeitlich wurden bereits die Bußgelder für nicht-konforme Fahrzeuge gegenüber den Herstellern von 15.000 auf 12.000 Pfund gesenkt. Und vor allem haben die OEMs fast analog zu den EU-Herstellern ein größeres Maß an Flexibilität bei der Erfüllung der Vorgaben erhalten. Dabei können die Verkäufe nun teils über mehrere Jahre gebündelt verrechnet werden.
Quelle: Infos per E-Mail, autocar.co.uk, fleetnews.co.uk, gov.uk, smmt.co.uk, smmt.co.uk (Mike Hawes), facebook.com (EVA)