Bis Ende 2027 mehr als 40 Neuheiten – Mercedes setzt nicht alles auf eine Karte

Bis Ende nächsten Jahres werden mehr als 40 neue Mercedes-Modelle auf den Markt kommen, darunter solche mit Elektroantrieb. Schlüsselrollen spielen dabei neue Plattformen, das eigene Betriebssystem MB.OS, Akkus neuer Generation sowie Technologien aus der Formel 1. Im dritten Quartal dieses Jahres verzeichnete das Unternehmen einen rückläufigen Verkauf in China, doch die Ergebnisse in Europa und den USA sind optimistisch stimmend.
In diesem Artikel:
Warum Mercedes seine Zukunft nicht ausschließlich auf Elektroautos stützen will
Welche Technologien in der neuen Generation der Modelle der deutschen Marke zu finden sein werden
Was Halbleiterakkus und die neue 800-V-Architektur bringen können
Den rückläufigen Verkauf in China kompensiert der Hersteller mit Erfolgen in Europa und den USA
Mercedes und mehr als 40 neue Modelle und Varianten auf dem Weg
Die Stuttgarter bereiten eine umfangreiche Modelloffensive vor. Bis Ende 2027 plant der Hersteller, mehr als 40 neue Fahrzeuge auf den Markt zu bringen, wobei er gleichzeitig Elektro-, Hybrid- und Verbrennungsmotortechnologien weiterentwickelt. Laut dem Unternehmen sieht die Strategie nicht vor, für alle Märkte und alle Kunden eine einzige Lösung zu wählen.
„Anstatt sich auf eine einzige Antriebstechnologie zu konzentrieren, beabsichtigt Mercedes-Benz, in der gesamten Modellpalette eine Mischung aus rein elektrischen und hybriden Fahrzeugen anzubieten“, heißt es im Material des Herstellers zur neuen Entwicklungsstrategie.
Ein Auto und viele Technologien
Laut Mercedes bilden bei der Entwicklung neuer Antriebe nicht technische Vorgaben den Ausgangspunkt, sondern die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer. Die Ingenieure analysieren unter anderem das Beschleunigungsverhalten, das Ziehen von Anhängern, das Fahren auf Autobahnen oder das Überwinden von Anstiegen. Erst danach wählen sie die geeigneten Parameter für Motoren, Steuerungssysteme und Getriebe aus. Das Unternehmen betont, dass parallel zu den Antrieben auch Lenk-, Brems- und Fahrwerksysteme weiterentwickelt werden. Dadurch soll eine für die Marke typische Kombination aus Komfort, Präzision im Fahren und Leistung unabhängig vom Antriebstyp gewährleistet werden.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses Gesamtkonzepts ist das Mercedes-Benz Operating System (MB.OS). Es handelt sich um eine neue Programmarchitektur, die die wichtigsten Fahrzeugfunktionen integriert und deren Aktualisierung ermöglicht. Laut dem Hersteller soll das System ein konsistentes Fahrererlebnis unabhängig vom Modell oder Antriebstyp gewährleisten.
Plattformen, die die Kosten senken und die Entwicklung beschleunigen sollen
Modulare Plattformen werden in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle spielen. Im Bereich von Verbrennungsmotoren und Hybriden entwickelt Mercedes die FAME-Familie von Modulmotoren, die sowohl Benzin- als auch Dieselmotoren umfasst, die mit Hybridantriebsystemen zusammenarbeiten.
Die Motoren nutzen unter anderem einen integrierten Starter-Generator, Aluminiumblocke sowie Technologien zur Reduzierung des inneren Reibungsverlusts. Dank der modularen Konstruktion können dieselben Lösungen sowohl im kompakten GLA als auch im Flaggschiffmodell Klasse S eingesetzt werden. Ebenso intensiv werden Elektrofahrzeuge weiterentwickelt. Der Hersteller nutzt die Erfahrungen, die beim Projekt VISION EQXX gewonnen wurden, das zu einem Labor für Energieeffizienz wurde. Die in diesem Programm entwickelten Lösungen sollen unter anderem in den neuen Generationen der Modelle CLA, GLA, GLB, GLC sowie Klasse C Verwendung finden.

800-V-Architektur und eigene Elektroantriebstechnologie
Die deutschen PR-Experten kündigen außerdem eine Erweiterung der 800-V-Architektur auf weitere Marktsegmente an, einschließlich zukünftiger Modelle der Klasse E und der Klasse S. Eine solche Lösung ermöglicht es, die Ladeleistung zu erhöhen und den Energieverlust während des Stromflusses zu verringern. Eines der wichtigsten Elemente der neuen Generation von Elektrofahrzeugen wird das eigenständig entwickelte Antriebsystem EDU 2.0 sein. Dieses System nutzt Komponenten aus Siliziumkarbid sowie ein zweistufiges Getriebe, um sowohl die Leistung als auch die Energieeffizienz zu verbessern.
Laut dem Hersteller geht es nicht allein darum, bessere Laborwerte zu erzielen. Der neue Antrieb soll ein günstiges Gleichgewicht zwischen Dynamik und Energieverbrauch im täglichen Gebrauch gewährleisten.
Die Batterien der Zukunft rücken näher
Ein großer Teil der Investitionen des Konzerns betrifft die Energiespeicherung. Mercedes arbeitet an neuen chemischen Zellkompositionen, die den Einsatz von Kobalt und Nickel einschränken sollen, während gleichzeitig eine hohe Energiedichte erhalten bleibt. Besondere Hoffnungen setzt das Unternehmen auf die LNMO-Technologie (Lithium-Nickel-Mangan). Laut dem Hersteller können Zellen dieser Art bei vergleichbarer Masse und Größe potenziell eine um bis zu 30 Prozent größere Reichweite bieten als LFP-Akkus. Mercedes betont jedoch, dass dies derzeit ein Entwicklungsziel ist und die endgültigen Parameter von der Konstruktion der Zellen sowie deren Integration in das Fahrzeug abhängen werden.

Noch größere Begeisterung wecken Halbleiterbatterien. In Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Factorial Energy führte das deutsche Konzern ein Testfahrzeug des EQS durch, das mit einer Lithium-Metall-Halbleiterbatterie ausgestattet war. Das Auto legte laut dem Hersteller 1205 km zwischen Stuttgart und Malmö ohne Zwischenladen zurück.
Mercedes betont jedoch, dass es sich um ein Entwicklungsfahrzeug handelte und das erzielte Ergebnis nicht als Vorgeschmack auf die Reichweite des Serienmodells EQS angesehen werden sollte. Dennoch zeigt der Test das Potenzial dieser Technologie, die in Zukunft die Energiedichte erhöhen und die Sicherheit von Batterien verbessern kann.
Formel 1 auf den Straßen
Die Entwicklung der Elektromobilität bedeutet nicht, auf die Weiterentwicklung von Verbrennungsmotoren zu verzichten. Mercedes nutzt die Erfahrungen von Mercedes-AMG High Performance Powertrains, der Abteilung, die für die Antriebseinheiten der Formel 1 verantwortlich ist.

Ein Beispiel ist der neue Benzinmotor M 252 LS, der über eine elektrisch unterstützte Turboladeranlage mit 48-V-Betrieb verfügt. Diese Lösung basiert auf Erfahrungen aus dem Motorsport. Laut dem Hersteller ermöglicht der neue Motor im GLB 250 eine verkürzte Beschleunigungszeit um etwa 0,1 s im Vergleich zum Vorgänger und reduziert gleichzeitig die CO₂-Emissionen um rund 17 Prozent. Der elektrische Turbolader soll die Reaktion auf das Gaspedal verbessern und das sogenannte Turbulenzphänomen verringern.

Rekordhoch bei BEV-Fahrzeugen
Der deutsche Hersteller verzeichnet weiterhin eine hohe Nachfrage nach neuen Modellen, was an den Fahrzeugen des BEV-Segments zu erkennen ist. Ihr Verkauf stieg im Jahresvergleich um 61 % auf ein Quartalsrekordniveau. Der Gesamtverkauf außerhalb Chinas steigt, getrieben durch Europa (+5 %) und die USA (+6 %). Im dritten Quartal dieses Jahres erreichte der globale Anteil der BEV-Fahrzeuge mit 16,8 % ein Rekordniveau. Vollständig elektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride machten zusammen 25 % des weltweiten Verkaufs von Personenkraftwagen aus – so der deutsche Premium-Hersteller.
– Das anhaltende Wachstum des Verkaufs in Europa und den USA sowie Rekordzahlen bei voll elektrischen Fahrzeugen zeigen, dass unsere neuen Modelle unsere Kunden erreichen. Gleichzeitig sind die Marktbedingungen im Laufe des Jahres noch schwieriger geworden, insbesondere in China. Eine konsequente Kostendisziplin sowie starke Erträge von Mercedes-Benz Vans und Mercedes-Benz Financial Services helfen uns, die Widrigkeiten auszugleichen. Unser solides Finanzprofil ermöglicht es uns, weiter in unsere Zukunft zu investieren. Wir setzen unsere Modelloffensive gezielt um – so sagte kürzlich bei der Präsentation der Ergebnisse für das dritte Quartal Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz Group AG.

Insgesamt verkaufte Mercedes-Benz Cars im 3. Quartal über 407.000 Fahrzeuge (im 3. Quartal 2025 wurden 441,5 Tausend Autos verkauft). Laut dem Unternehmen beruht der Rückgang um 8% hauptsächlich auf schwierigen Marktbedingungen und intensiver Konkurrenz auf dem chinesischen Markt.
Fazit? Evolution statt Revolution
Das Unternehmen beabsichtigt nicht, seine Zukunft von einer einzigen Technologie abhängig zu machen. Gleichzeitig entwickelt es Elektroautos, Hybride sowie moderne Verbrennungsmotoren und betrachtet diese als Antwort auf die unterschiedlichen Erwartungen der Kunden sowie das unterschiedliche Tempo der Transformation auf den einzelnen Märkten. Wir werden beobachten, wie der Hersteller die geplanten Investitionen umsetzt. Eine Strategie, die auf einem vielfältigen Portfolio sowie verschiedenen Antriebsformen beruht, ist sicherlich vom Kundenstandpunkt aus vorteilhaft, erfordert aber auch hohe Kapitalkosten – was Volkswagen schmerzhaft am eigenen Leib erfahren musste. Wird sich dies langfristig für Mercedes lohnen? Die Zeit wird es zeigen.
Oskar Włostowski