800 Volt und fast 500 km Reichweite: Die Renault Trafic wird mit großem Ehrgeiz erneuert

Renault hat die endgültige Version des neuen elektrischen Trafic Van E-Tech vorgestellt. Der neue Elektro-LKW stellt einen bedeutenden Sprung gegenüber der aktuellen Generation dar, verfügt über eine 800-Volt-Architektur und mehr Reichweite, um eine noch wettbewerbsfähigere Alternative zu bieten.
Der neue Trafic ist zudem weit mehr als nur ein neuer Elektro-LKW von Renault. Das Unternehmen hat eine spezielle Plattform für mittelgroße Nutzfahrzeuge sowie eine zentrale Elektronikarchitektur entwickelt, die bisher nur den fortschrittlichsten Elektroautos vorbehalten war. Renault möchte ihn zu einem vernetzten, effizienten Arbeitsmittel machen, das während seiner gesamten Lebensdauer neue Funktionen erhalten kann.
800 Volt und eine 81 kWh starke Batterie

Die wichtigste technische Neuerung der neuen Trafic befindet sich unter der Karosserie. Renault hat eine Plattform namens RGEV medium van im Skateboard-Stil entwickelt, die speziell für mittelgroße Nutzfahrzeuge konzipiert ist. Auf dieser Plattform wurde eine 800-Volt-Elektroarchitektur installiert, was in diesem Segment noch äußerst ungewöhnlich ist und eine erhebliche Verkürzung der Ladezeiten ermöglichen sollte.
Die Marke hat noch nicht die maximale Ladeleistung bei Gleichstrom mitgeteilt, liefert aber eine weitaus interessantere Zahl für diejenigen, die einen Lieferwagen zur Arbeit nutzen: 280 km Reichweite werden bereits in nur 20 Minuten wiederhergestellt. Unter Berücksichtigung des angegebenen Verbrauchs und der Batteriekapazität bedeutet das, dass während dieser Pause mehr als 48 kWh wieder aufgeladen werden, was einer durchschnittlichen Ladeleistung von rund 145 kW entspricht. Die endgültige Zahl hängt jedoch von der Ladekurve ab, die Renault noch nicht detailliert hat.
Der Fahrzeughöhe ist im Vergleich zu anderen Modellen dieser Kategorie besonders auffällig. Die Ford E-Transit Custom verwendet beispielsweise eine 400-Volt-Architektur und bietet mit ihrer 71 kWh großen Nutzbatterie eine WLTP-Reichweite von bis zu 373 km. Die Peugeot e-Expert mit 75 kWh erreicht eine WLTP-Reichweite von 330 km und unterstützt Ladevorgänge mit bis zu 100 kW. Renault setzt somit auf eine Technologie, die wir bisher hauptsächlich in leistungsstärkeren Elektrofahrzeugen gesehen haben.

Die für den neuen Trafic angekündigte Batterie hat eine Kapazität von 81 kWh. Renault wartet noch auf die endgültige Homologierung, doch seine Schätzungen deuten auf eine Reichweite von über 470 km im gemischten Fahrzyklus hin. Am beeindruckendsten ist die Zahl in der Stadt, ihrem natürlichen Einsatzgebiet – dort spricht das Unternehmen von fast 700 km, einer Entfernung, die es bestimmten Berufstätigen ermöglichen würde, praktisch eine Woche lang ohne Besuch einer Ladestation zu arbeiten.
Ursprünglich deuten die Zahlen ebenfalls auf eine erhebliche Verbesserung der Effizienz hin. Mit 81 kWh und mehr als 470 km Reichweite im gemischten Betrieb liegt der berechnete Verbrauch bei etwa 17,2 kWh/100 km. Renault gibt an, in verschiedenen Bereichen daran gearbeitet zu haben, darunter eine Reduzierung des SCx um 6 %, ein Antriebssystem mit einer Effizienz von über 90 % sowie die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Batteriekapazität, Gewicht und Reichweite.
Es geht nicht nur darum, eine größere Batterie einzubauen. Bei einem Lieferwagen hat jedes zusätzliche Kilogramm einen direkten Einfluss auf den Verbrauch und die Ladekapazität, weshalb Renault ein Gleichgewicht zwischen Reichweite, Masse und beruflicher Nutzbarkeit finden musste. Genau hier liegt einer der Schlüsselpunkte, wenn die ersten Fahrzeuge ankommen und wir ihren Verbrauch unter realen Bedingungen überprüfen können.
Der neue Trafic wird außerdem V2L bieten, sodass man einen Teil der im Akku gespeicherten Energie nutzen kann, um Werkzeuge und andere elektrische Geräte zu betreiben. Renault hat zudem eine ePTO-Steckdose vorgesehen, um die Umgebungen durch spezialisierte Unternehmen zu erleichtern. Dadurch lässt sich beispielsweise bestimmte Kühlaggregate direkt mit Strom versorgen, ohne ein eigenständiges Energiesystem installieren zu müssen.

Die Ladekapazität ist keineswegs in den Hintergrund getreten. Die größte Version erreicht ein nutzbares Volumen von 5,8 m³, was ausreicht, um bis zu drei Europallets zu transportieren. Die Ladekante befindet sich nur 53 Zentimeter über dem Boden, die zulässige Gesamtlast beträgt 1,3 Tonnen, während die Zugkraft bis zu 2 Tonnen beträgt.
Was ihre Abmessungen angeht, wurde der neue Trafic speziell dafür konzipiert, in der Stadt zu fahren. Die größte Version ist 5,27 Meter lang, 1,92 Meter breit und 1,89 Meter hoch. Diese letzte Zahl ist besonders wichtig für Fachleute, die in städtischen Gebieten arbeiten, da sie den Zugang zu herkömmlichen Tiefgaragen ermöglicht – etwas, was einige größere Lieferwagen nicht können.
Auch der Wendekreis von 10,3 Metern ist hervorzuheben – eine Zahl, die Renault mit der eines Clio vergleicht. Die Kombination aus relativ kompakten Abmessungen, dem im hinteren Achssegment angeordneten Motor sowie einer speziell für diese Fahrzeugklasse entwickelten Plattform sollte das Manövrieren in engen Straßen, Ladeplätzen und Lieferzonen erleichtern.
Renault betont außerdem, dass der Fahrkomfort dank unter anderem eines Mehrarm-Achssystems im hinteren Bereich dem eines Limousinenfahrzeugs nahekommt. Dies ist ein ungewöhnlicher Aspekt bei einem Lieferwagen dieser Größe und kann für Fahrer, die viele Stunden am Steuer verbringen, einen Unterschied machen.
Der neue Trafic spielt aus einem weiteren Grund eine wichtige Rolle in der Strategie von Renault. Er ist das erste Modell des Konzerns, das eine zentrale elektronische Architektur namens SDV verwendet, die speziell für diese Art von Nutzfahrzeug entwickelt wurde.
Anstelle von etwa 80 elektronischen Modulen, die ein herkömmlicher Lieferwagen aufweisen kann, konzentriert Renault einen Großteil der Funktionen auf zwei Supercomputer. Alles wird über CAR OS gesteuert, ein mit Android basierendes Betriebssystem, das gemeinsam mit Google entwickelt wurde.
Die praktische Folge für den Nutzer ist die Möglichkeit, verschiedene Funktionen des Lieferwagens aus der Ferne zu aktualisieren, bestimmte Systeme ohne Werkstattbesuch zu verbessern, neue Leistungen einzuführen und die prädiktive Wartung zu erleichtern. In einem professionellen Lieferwagen, bei dem Stillstandzeiten direkte Kosten für den Besitzer bedeuten, kann dieser letzte Aspekt sogar wichtiger sein als die Unterhaltungsfunktionen.
Der neue Trafic entstand ursprünglich im Rahmen des Projekts FlexEVan und wurde später in Flexis integriert, das gemeinsame Unternehmen von Renault, Volvo Group und CMA CGM zur Entwicklung einer neuen Generation elektrischer Lieferwagen. Allerdings hat dieses Projekt schließlich eine andere Richtung eingeschlagen.
Nach dem Austritt der Partner übernahm die Renault Group wieder die Kontrolle über das Projekt, was im vergangenen Juni abgeschlossen wurde. Die Volvo Group behält durch Renault Trucks weiterhin eine Verbindung zum Modell, das den Lieferwagen ab 2027 vermarkten wird.
Auch die Bezeichnung der Plattform hat sich geändert. Was ursprünglich Teil der unter Flexis entwickelten Architektur war, wird nun bei Renault als RGEV medium van geführt. Die zukünftige Familie umfasst außerdem verschiedene Konfigurationen und Umwandlungen, die darauf abzielen, die Bedürfnisse von Unternehmen und Fachleuten zu erfüllen.
Renault bereitet ein Sortiment vor, das über die Kastenwagen-Version hinausgeht. Ab 2027 werden auch Versionen mit Fahrerhaus und Doppelkabine sowie verschiedene von Spezialunternehmen entwickelte Konfigurationen verfügbar sein. Dadurch kann der Trafic an Aufgaben wie Lieferdienste, Gütertransport, Kühlung, städtische Dienstleistungen und andere professionelle Anwendungen angepasst werden.
Bislang hat Renault den Preis des neuen elektrischen Trafic Van E-Tech nicht bekannt gegeben. Es wurden weder ein Anschaffungspreis noch Finanzierungs- oder Mietraten angekündigt. Der Hersteller versichert jedoch, dass die Gesamtbetriebskosten um 10 Prozent niedriger sein werden als bei einem vergleichbaren Lieferwagen mit Verbrennungsmotor, hat jedoch noch nicht detailliert erläutert, wie diese Berechnung zustande gekommen ist.
Der Markteintritt ist für Ende dieses Jahres geplant, doch die ersten Kunden müssen bis Anfang 2027 warten, um ihre Fahrzeuge zu erhalten. Renault hat den Bestellzeitraum noch nicht eröffnet und die endgültigen Preise auch nicht mitgeteilt, sodass es noch einige wichtige Unklarheiten gibt, die geklärt werden müssen.
Was bereits klar ist, ist, dass der neue elektrische Trafic mit einem weitaus ehrgeizigeren Konzept ankommt als nur der Ersatz eines Dieselmotors durch einen Elektromotor. Die 800 Volt, die 81 kWh große Batterie, die angegebenen fast 690 km im Stadtverkehr sowie die neue elektronische Architektur machen den Trafic zu einem der interessantesten Neuzugänge im Segment der Elektro-Fahrzeuge. Nun bleibt abzuwarten, wie viel von diesen Werten bei Einführung der WLTP-Zulassung sowie insbesondere, wenn das Fahrzeug in den Händen von Unternehmen und Fachleuten eingesetzt wird, erhalten bleibt.